Brutal ehrlich

Porträt: Karl Ove Knausgård hadert mit seinem Dasein als moderner Mann – Gefühle zeigen, Schwächen eingestehen, für die Kinder da sein. Aber daraus hat er große Literatur gemacht

MIKAEL KROGERUS

Es gibt zwei Männer, die ein Buch mit dem Titel Mein Kampf veröffentlicht haben. Der eine ist seit 68 Jahren tot, der andere sitzt auf einem Stein neben dem Bahnhof von Ystad in Südschweden und wartet auf mich. Karl Ove Knausgård ist Norweger, 45 Jahre alt. Drei Jahre lang hat er jeden Tag über sich, seine Freunde, seine Eltern, seine Frau und seine Kinder geschrieben. 4.000 Seiten über den Themendreiklang Familie, Männlichkeit, Tod. Sein Zugang: radikale Ehrlichkeit. Der Titel: Min Kamp 1–6.

Die Bücher schlugen in Norwegen ein wie eine Splitterbombe. Familienmitglieder verklagten, Groupies verfolgten, Kritiker verehrten ihn – und inzwischen sind fast eine Million Exemplare verkauft, bei fünf Millionen Einwohnern. Seit Jahren lautet in Skandinavien die sichere Einstiegsfrage für den Smalltalk: „Bei welchem Band bist du?“ – und sofort ist man drin in einem tollen Gespräch, in dem es gleich um alles geht. Selbst Leute, die nie lesen, lesen Knausgård. Und sogar die Minderheit, die seine Bücher nicht kennt, redet mit, als ginge es um ihr Leben. „Knausoman“ ist die norwegische Bezeichnung für jemanden, der jedes Gesprächsthema auf Min Kamp zurückführt.

Aber worum geht es?

In Band 1 erzählt er vom Kampf gegen seinen Vater. Band 2 handelt vom Kampf, selbst Vater zu sein, und wie einem zwischen Familienalltag und Schreibsehnsucht die Liebe abhandenkommt. Band 3 handelt von der Hölle, ein Kind zu sein, Band 4 vom ersten Mal (auch ein ziemlicher Kampf). Band 5 erzählt von seinem Kampf, Schriftsteller zu werden, und Band 6 ist eine Art Metareflexion über seine Kämpfe und über den Preis, den er dafür zahlte. Und diese Kämpfe werden nicht lässig ironisiert oder auf Thomas-Mann-Niveau hochgejazzt, sondern hier wird mit einer hypnotisierenden Genauigkeit erzählt, was ist…

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