Warten Sie nicht, bis ein Krieg ausbricht

„Amerikas gefährlichster Mann“ bekommt den Dresdner Friedenspreis – und Edward Snowden gratuliert Daniel Ellsberg.

Es gab Zeiten, da drohten Daniel Ellsberg 115 Jahre Haft. Spionage, Diebstahl und Verschwörung lauteten die Vorwürfe, weil er 1971 streng geheime Pentagonpapiere über den Vietnamkrieg der Presse zuspielte. „Lasst uns diesen Hurensohn von Dieb hinter Gitter bringen“, sagte der damalige US-Präsident Richard Nixon über ihn. Nach Dresden ist Ellsberg als freier Mann gekommen. Hier hat er am Sonntag in der Semperoper den Internationalen Friedenspreis entgegengenommen. Nicht nur für sich, sondern stellvertretend für alle Whistleblower, die nach ihm kamen, sagt er. Denn heute sind es Männer und Frauen wie Edward Snowden, Julian Assange und Chelsea Manning, die wegen ihres Mutes, über geheime Machenschaften von Regierungen aufzuklären, nicht frei leben können. Genau das wird an diesem Vormittag in der Semperoper deutlich: Ihre Freiheit ist wohl das größte Opfer, das Whistleblower bringen.

Als Ellsberg die geheimen Pentagonpapiere an die New York Times gab, deckte er damit die jahrelange Täuschung der amerikanischen Öffentlichkeit über die wirklichen Kriegsziele der USA in Vietnam auf. „Sie haben dazu beigetragen, einen Krieg zu beenden“, sagt Verleger und Journalist Jakob Augstein in seiner Laudatio. Wie selbstlos Ellsberg damals handelte, davon zeugt ein Dokumentarfilm, der in Auszügen bei der Preisverleihung gezeigt wird. In einer Szene fragt ein Journalist Ellsberg, ob der keine Angst davor habe, für immer ins Gefängnis zu gehen. „Und wenn ich dadurch helfe, einen Krieg zu verhindern?“, heißt die Antwort.

Als heldenhaft will man den Whistleblower, den Henry Kissinger einst den gefährlichsten Mann Amerikas nannte, bezeichnen, als er trotz seiner 84 Jahre mit leichtem Schritt auf die Bühne tritt und seine Hände zum Peace-Zeichen formt. Das Publikum feiert ihn mit langem Applaus, stehenden Ovationen und Bravorufen. Doch selbst sieht sich Ellsberg nicht als Held. Bis heute macht sich der ehemals hohe Mitarbeiter des US-Außenministeriums Vorwürfe. „Ich wünschte, ich hätte die Dokumente schon 1964 veröffentlicht und damit Leben gerettet“, sagt er in seiner Dankesrede. Dass Hanoi zerstört wurde, empfindet er als persönliches Versagen. Seine Botschaft an das Publikum: „Tun Sie nicht, was ich getan habe. Warten Sie nicht, bis ein Krieg ausbricht.“ …

http://www.sz-online.de/nachrichten/kultur/warten-sie-nicht-bis-ein-krieg-ausbricht-3328784.html

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