Warum schweigen die Lämmer? (2)

Prof. Rainer Mausfeld über Strategien der Erzeugung von Duldung und Lethargie

– Zusammengefasst von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Die Hauptverantwortung einer Regierung in einer “Demokratie” ist, die Minorität der besitzenden Klasse gegen die Majorität der Nicht-Besitzenden zu schützen. Eine repräsentative Demokratie repräsentiert NICHT den Willen des Volkes. Die bewusste und intelligente Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften.

Solche Sätze hören wir nicht sehr häufig. Aber dank der Aachener Friedenstage waren sie zu hören. “Warum schweigen die Lämmer? – Demokratie und Neoliberalismus – Strategien der Erzeugung von Duldung und Lethargie” – das ist der Titel eines außergewöhnlichen, eineinhalbstündigen Vortrags von Prof. Rainer Mausfeld, einem Psychologen und Kognitionsforscher an der Universität Kiel, gehalten am 22. April 2016 im Rahmen der 17. Aachener Friedenstage – veranstaltet vom Euregioprojekt Frieden in Kooperation mit dem Bundesverband Arbeiterfotografie.

Es ist nach dem Vortrag über “Demokratie, Psychologie und Empörungsmanagement” der zweite Vortrag in der Reihe “Warum schweigen die Lämmer?” über Herrschaftstechniken. In der vorangegangenen Woche haben wir die Inhalte der ersten Hälfte des Vortrags wiedergegeben. Es folgen hier die Inhalte der zweiten Hälfte.

Aufklärung

Zurück zur Aufklärung: Die Aufklärung hat noch mehr zu bieten als den humanitären Universalismus. Einer ihrer wesentlichen Bestandteile ist – neben Vorurteilskritik – der moralische Universalismus. Das bedeutet: wenn wir moralische Regeln aufstellen, die wir für die Bewertung anderer heranziehen, dann gelten die auch für unsere eigenen Handlungen. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Die würden wir alle im Schulunterricht abnicken. Allerdings: wenn wir Zeitung lesen, ist sie wieder verschwunden. Die Binsenweisheit hat gewaltige Konsequenzen. Der Exzeptionalismus macht allerdings aus der Verletzung dieser Regel eine ganze Philosophie. Er sagt: die Regeln, die für mich gelten, gelten nicht für die anderen. Und die Regeln, die ich für die anderen mache, beachte ich nicht. Beispiel ist Terrorismus. Wenn “wir” arabische Länder zerbomben, ist das kein Terrorismus sondern ein Kampf für Freiheit und Menschenrechte. Wenn “wir” Drohnenmorde begehen und dabei z.B. zum Zeitpunkt der Attentate von Paris im Jemen 180 Menschen der Zivilbevölkerung töten, dann sind das für uns nicht betrauerbare Tote…

Gegen das Projekt der Aufklärung gab es immer das Projekt der Gegenaufklärung. Das war damals der Erhalt der Monarchie, der Einfluss der Kirche usw. Ein ganz wichtiger Punkt der Gegenaufklärung ist die prinzipielle Vorrangstellung der eigenen Gruppe: wir sind etwas Besonderes – wer immer gerade WIR sagt. Das wird verkörpert in Rassismus, Chauvinismus, Nationalismus und Exzeptionalismus – allesamt Positionen, die sagen: was für uns gilt, gilt nicht für die anderen.

Aufklärung ist links, Gegenaufklärung rechts

Die politische Unterscheidung zwischen links und rechts – das müssen Sie sich klar machen – stammt aus der Zeit der Aufklärung. Links war, was den Zielen der Aufklärung verpflichtet war. Rechts war, was sich gegen die Aufklärung gewandt hat. Wenn wir nach dem Identifikationskern fragen, erkennen wir: es kann keine Gemeinsamkeiten zwischen LINKS und RECHTS geben. Sie wissen, wie groß in der Linken die Tendenz ist, sich selbst zu zersetzen und die eigene Identität zu verlieren. Und die Frage ist: wie kommt es, dass in der gegenwärtigen Situation die Linke so hilf- und planlos ist? Dabei spielt der Identifikationsverlust eine große Rolle. Extrem befördert wird innerhalb der Linken Spaltungstendenzen. Und interessanterweise werden die Knochen, die zur Selbstzersetzung hingeworfen werden, von der Linken gerne aufgegriffen. Deshalb wäre es äußerst wichtig, sich auf den gemeinsamen Kern zu besinnen.

Krieg der Reichen gegen die Armen

Es gab eine Zeit der wechselseitigen Symbiose zwischen Demokratie und Kapitalismus. Das war der New Deal. Zwischen 1950 und 1970 zerbrach diese Symbiose. Man suchte nach Wegen, wie sie aufgebrochen werden kann. Es setzte sich die Erkenntnis durch: das ist eine Zwangsverbindung – beides passt nicht zusammen. Die Zwangsverbindung ging Stück für Stück in die Brüche. Sie finden jetzt das Reden vom Krieg. Warren Buffet, der Superinvestor, 2006 wunderbar offen: “Es herrscht Klassenkrieg. Richtig! Aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt. Und wir gewinnen.” Robert Reich, ehemaliger Finanzminister unter US-Präsident Bill Clinton, sagt: es gibt einen Krieg gegen die Armen. Und Jean Ziegler sagt 2012: “Für die Völker des Südens hat der dritte Weltkrieg längst begonnen.” Man spricht offen von Krieg. Was im Moment herrscht, ist ein Krieg, ein Krieg der Reichen gegen die Armen. Und dieser Krieg ist fast unsichtbar. Es ist ein Krieg, gegen den wir kaum revoltieren, weil wir ihn kaum mitkriegen, wenn wir nicht gerade die ganz Armen sind. Auch DIE ZEIT schreibt vom “Krieg gegen die Armen” (29.8.2002) Der Guardian schreibt: “Griechenland ist das jüngste Schlachtfeld im Krieg der Finanzelite gegen die Demokratie.” (7.7.2015) Ein UN-Wirtschaftberater für Afrika (Yach Tandon) hat ein Buch geschrieben: “Handel ist Krieg”… Wir sind nur deswegen noch ruhig, weil der Krieg noch nicht so ganz bei uns angekommen ist. Zwar gibt auch bei uns ein Prekariat, aber der Hauptkrieg findet woanders statt. …

http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22754

siehe auch…

Der Neoliberalismus ist das geplante finale Ende der Demokratie.

Prof Dr.Rainer Mausfeld von der Universität Kiel in der Fortsetzung seiner Vortragsreihe: “Warum schweigen die Lämmer.”

Was wurde aus dem Projekt “Aufklärung”?
Der Neoliberalismus ist das von den Eliten geplante finale Ende der Demokratie.

http://www.heinrichplatz.tv/?p=22521

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