“Es gibt seit Jahrtausenden keine ursprüngliche Natur mehr”

Die Ausrufung des Anthropozäns führt in die Irre, schon seit dem Pleistozän haben die Menschen die globale Biosphäre verändert

– Florian Rötzer

Mittlerweile hat sich die These herumgesprochen, dass wir in ein geologisches Zeitalter eingetreten seien. Die Menschheit habe seit einiger Zeit, konkreter: seit der Industrialisierung, die Erde durch ihre Lebensweise entscheidend und unabhängig von anderen natürlichen Prozessen verändert, vor allem sichtbar durch die Klimaveränderung, aber auch durch Massenaussterben, Artenmigration und landwirtschaftlicher Kultivierung. Zur Hervorhebung dieser Gestaltung des Raumschiffs Erde durch den Menschen wurde das neue Zeitalter Anthropozän ausgerufen, in das wir eingetreten seien.

Wissenschaftler unter der Leitung von Nicole Boivin, Direktorin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und Wissenschaftlerin an der Universität Oxford, sagen jetzt in einem Beitrag für die Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), dass die Menschheit nicht erst seit der Industrialisierung, sondern bereits seit dem Pleistozän tiefgreifend in die globale Biosphäre eingegriffen hat. Damit wird die nächste Stufe des Bilds vom guten Wilden untergraben, nach dem die Menschen früher – vor der Wissenschaft, der Aufklärung, der Industrialisierung, der Vernunft oder was auch immer – eher im Einklang mit der Natur gelebt hätten. Das erweist sich mehr und mehr als romantische, zivilisationskritische Verklärung.

Die Menschen haben Veränderungen von fast allen biologischen Arten bewirkt, sie ausgelöscht, vertrieben, die Zusammensetzung der Arten nachhaltig verändert, was bedeutet, dass die Biosphäre von Menschen gestaltet wurde, wenn auch keineswegs bewusst, vor allem, was die Konsequenzen betrifft. Ursprüngliche Landschaften gäbe es daher schon lange nicht mehr. Die Erde ist schon seit Tausenden von Jahren eine Art des Gartens, in der nur lebt, was die Selektion überlebt hat. Welche Pflanzen, Tiere und Bäume es heute gibt, sind bereits Resultate der Vorlieben unserer Vorfahren. Massenaussterben von Arten gibt es nicht erst in neuerer Zeit, so die These, sondern seit der Zeit, in der sich der moderne Mensch ausgebreitet hat, man muss sagen: als invasive Art. …

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