Eine Reise durch das Land der Wachstumsverweigerer

Es gibt Unternehmen, die nicht wachsen wollen, obwohl sie es könnten.

– Daniel Deimling

Das Ausmaß der sich aufdrängenden Frage nach dem »Warum« wird erst nach einer Reise zu den Wachstumsverweigerern wirklich klar: Sie denken überhaupt nicht in betriebswirtschaftlichen Kategorien, sondern in größeren Zusammenhängen.

Es gibt keinen Wachstumszwang für Unternehmen

„Ja, ganz klar: ein Bildungsproblem. Wir sind manchmal überlastet damit, Eltern und Schule für junge Menschen zu ersetzen. Vielen fehlt heute der Blick für die Welt und die größeren Zusammenhänge.“

Dies ist nicht die Antwort eines Sozialarbeiters auf die Frage, warum so viele Jugendliche nach rechts außen driften, sondern die Antwort einer mittelständischen Unternehmerin in Baden-Württemberg auf die Frage, ob es nicht Probleme gebe, wenn man als Unternehmen auf Wachstum verzichtet und Gebrauchsgüter von maximaler Langlebigkeit herstellt. Man hätte hinsichtlich der Antwort reflexartig auf technische Umsetzungsschwierigkeiten oder auch Probleme bezüglich des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs, des Absatzes, der Marktsättigung, der Kosten oder der Preisbereitschaft der Kunden spekuliert, aber nicht auf das Thema Bildung. Bei Susanne Henkel ist das anders. Ihre Ausführungen kreisen stets um einen zentralen Punkt: die globalen Auswirkungen regionaler Wertschöpfung.

Die Richard Henkel GmbH, die bald ihr 100-jähriges Firmenjubiläum feiert, stellt in Forchtenberg im Hohenlohekreis Stahlrohrmöbel her. Man kennt die Liegen mit der Schnurwicklung und dem Kippmechanismus aus Wellness- und Kurbädern, Saunalandschaften, Hotels und Rehakliniken. Susanne Henkel, die Enkelin des Unternehmensgründers, ist Geschäftsführerin des mittelständischen Unternehmens, das seit jeher 50 Mitarbeiter hat. Womit wir bei des Pudels Kern wären: Das Unternehmen wollte nie größer als 50 Mitarbeiter werden und verzichtet bewusst auf Wachstum. Was sich unspektakulär anhört, erschüttert die Betriebswirtschaftslehre in ihren Grundfesten. Seit Begründung der neoklassischen BWL gilt, dass Unternehmen wachsen müssen, um überleben zu können. Dies ist nicht eine vernachlässigbare Randnotiz, sondern ein zentrales Axiom, auf dem die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre seit mehr als einem halben Jahrhundert aufbaut. Betriebswirte, die immer noch nicht bemerkt haben, dass die Neoklassik in den letzten Zügen liegt und wir uns längst in der von Thomas S. Kuhn beschriebenen Phase befinden, in der die Anhänger der Normalwissenschaft nur mehr damit beschäftigt sind, ein antiquiertes Paradigma zu verteidigen, werden die Ausführungen von Susanne Henkel über Unternehmenswachstum nicht gerne lesen:

„Wie weit man heutzutage wachsen möchte, ist eine persönliche Entscheidung: Mit was gibt man sich zufrieden? Und natürlich auch die Entscheidung, ob ein Produkt oder eine Leistung weltweit angeboten werden muss oder nicht. Es gibt keinen Wachstumszwang für Unternehmen. Es ist eine unternehmerische Entscheidung, ob man wachsen will oder sich mit einer gewissen Größe zufrieden gibt. Die Menschen in anderen Ländern wollen doch auch Eigenes entwickeln und für sich herstellen.“

https://makroskop.eu/2016/11/eine-reise-durch-das-land-der-wachstumsverweigerer-1/

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