EU-Datenschutztag: Das Smartphone als tragbare Gestapo und Trumps Totalitarismus

Ganz im Zeichen der Big-Data-Diktatur, lernenden Algorithmen sowie dem Ende von Privatheit und Demokratie stand eine Konferenz der Aufsichtsbehörden zum Europäischen Datenschutztag. Klar wurde: Die Macht verschiebt sich.

– Stefan Krempl

Die Datenschutzbeauftragten von Bund und Ländern hatten am Montag mit Yvonne Hofstetter und Harald Welzer gleich zwei Big-Data- und Silicon-Valley-Kritiker als Hauptredner zu ihrer zentralen Konferenz zum Europäischen Datenschutztag nach Berlin geladen. Da konnte es kaum verwundern, dass sich die beiden Talkshow-erfahrenen Vortragenden mit ihren ähnlichen Analysen die Bälle zuspielen und die ein oder andere steile These formulieren konnten. Die Digitalisierung und der Plattformkapitalismus führen demnach dazu, dass die Privatheit und andere Grundvoraussetzungen moderner Demokratien sukzessive abgeschafft werden und neue Diktaturen entstehen.

Autonom handelnde Subjekte

Welzer, Honorarprofessor für Transformationsdesign in Flensburg, bezeichnete die Unverletzlichkeit der Person und der Wohnung sowie die Privatheit an sich als das “schützenswerteste Gut, das es in der Demokratie gibt”. Das “politische Problem par excellence” dabei sei, dass dieser Grundwert nun “einfach verschwindet” und diese Entwicklung nicht einmal skandalisierungsfähig sei: Das Thema verpuffe in der öffentlichen Debatte einfach, obwohl sich die Gesellschaft damit gravierend verändere und ein Spiel mit den Erwartungen sowie Konspirationen kaum mehr möglich seien.

Welzer machte eine “eigentümliche Verschiebung im grundsätzlichen Machtverhältnis” aus. “Wir laufen mit dem Verständnis durch die Welt, dass keiner mehr über mich weiß als ich selbst”, führte er aus. Dies sei die Basis für die demokratische Verfassung, für autonom handelnde Subjekte. Davon sei heute aber gar nicht mehr auszugehen: “Es gibt immer irgendetwas – eine Organisation, einen Algorithmus, eine Matrix –, die mehr weiß.” Mit wem er etwa in den letzten Jahren kommuniziert habe oder mit welchen Dritten eine eigene Kontaktperson noch in Verbindung stehe, “weiß ich nicht, aber X.”

Diktatoren aus dem Silicon Valley

Explizite Machtübernahmen oder Revolutionen “kennen wir”, gab Welzer zu bedenken. Etwas anderes sei es aber, wenn die “freundlichen Diktatoren” aus dem Silicon Valley nun das Sagen hätten und allein Facebook “die Informationsmacht über 1,8 Milliarden Menschen” habe. Unklar sei, was aus deren Motto, die Welt besser zu machen, in der nächsten Generation geschehe.

Sinnbildlich verknüpft sind derlei mittelschwere Erdbeben für Welzer mit dem Smartphone, das ihm selbst nicht in die Finger kommt. Es gebe kaum eine andere Technik, die so fundamental in die menschlichen Verhaltensweisen eingreife, meinte der Soziologe: “Jeder zieht ständig seine tragbare Gestapo aus der Tasche.” Die ganze soziale Existenz vieler sei klickhaft geworden innerhalb nur einer Dekade. Dazu kämen Absurditäten wie die einer Joggerin, die aufs Laufen verzichte, wenn ihr für die Datenanalyse benötigtes Mobilgerät kaputt sei. …

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