Alfred Kleinknecht: „Lohnzurückhaltung schadet der Produktivität“

Ein Interview mit Alfred Kleinknecht über den Zusammenhang zwischen Lohnentwicklung und Produktivität sowie Innovation.

– Patrick Schreiner

Kleinknecht ist emeritierter Professor für Wirtschaftswissenschaften an der TU Delft (Niederlande).

Arbeit müsse möglichst billig und flexibel sein, ist seit einigen Jahrzehnten eine weit verbreitete Forderung, denn nur so würden Arbeitsplätze geschaffen. Die immer wieder zu hörende Floskel von den notwendigen „Strukturreformen“ gründet auf genau dieser Idee, Arbeit zu verbilligen und zu flexibilisieren. Sie vermuten aber, dass eine solche Politik negative Auswirkungen auf die Arbeitsproduktivität habe – weshalb?

Alfred Kleinknecht: Wenn Arbeit billiger und flexibler wird, dann lohnt sich die Einführung arbeitssparender Technologie weniger. Auch alte Maschinen werden dann langsamer ersetzt durch neuere (und produktivere). In unserer Analyse von 19 OECD-Ländern über einen Zeitraum von 44 Jahren kommt heraus: Ein Prozent mehr (bzw. weniger) reale Lohnerhöhung führt mittelfristig zu ca. 0,4 Prozent mehr (bzw. weniger) Wachstum der Wertschöpfung pro Arbeitsstunde. Mit Lohnzurückhaltung wird also der Kuchen kleiner, den wir zwischen Kapital, Arbeit und Staat verteilen können.

Die herrschende Volkswirtschaftslehre propagiert auch immer wieder, dass Arbeitsmärkte „dynamischer“ werden müssen, zum Beispiel durch Lockerung des Kündigungsschutzes. Mehr Personalwechsel hat allerdings beträchtliche Nachteile: Betriebliche Weiterbildung lohnt sich weniger; und Vertrauen und Loyalität entwickeln sich nur in längerfristigen Arbeitsbezieh­ungen. Bei geringerer Loyalität fließen Betriebsgeheimnisse und technologische Kenntnisse leichter zu Konkurrenten ab. Das probiert man dann durch mehr Kontrolle wieder aufzufangen. Betriebe in flexiblen „hire & fire“-Arbeitsmärkten wie etwa in den USA haben gut doppelt so dicke Managementbürokratien, verglichen mit dem alten Europa. Das treibt nicht nur die Kosten in die Höhe; es ist auch ein Ärgernis für kreative Köpfe und behindert die Innovation.

Die Kombination von leichterer Entlassung und mageren Sozialleistungen verändert auch das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit. Nach den „Strukturreformen“ gibt es mehr Duck­mäusertum. Die Chefs bekommen weniger kritisches Feedback von unten. Es gibt mehr Sonnenkönige. Und die Erfahrungskenntnisse der Arbeitnehmer werden wenig genutzt. Arbeitnehmer, die leicht zu entlassen sind, haben sogar Motive, bestimmte Informationen darüber zurückzuhalten, wie ihre Arbeit effizienter getan werden könnte: Verbesserungsvorschläge könnten Dich Deinen Job kosten!

In vielen klassischen Industrie- und Dienstleistungsbranchen gilt auch ein Innovationsmodell, demzufolge der langfristige Aufbau von Wissen und Kenntnissen für die Entwicklung von Produk­ten, Prozessen und Systemen wichtig ist. Ein Betrieb ist also „gut“ in bestimmten Produkt­linien, weil er schon seit Jahrzehnten Erfahrungskenntnisse gesammelt hat. Viele dieser Kenntnisse sind personengebunden. In solchen Branchen ist ein amerikanischer „hire & fire“- Arbeitsmarkt besonders nachteilig. Die Amerikaner verdanken dem ihren “Rustbelt“: Sie haben wegen ihrer flexiblen Arbeitsbeziehungen gegenüber den Deutschen und den Japanern die Schlacht um die „Old Economy“ verloren. …

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