Warum bringen Märkte keine Demokratie, Herr Neckel?

Warum die Arbeiterschaft Reiche bewundert und wie sich Protektionismus mit autoritärem Nationalismus paart. Ein Interview mit dem Soziologen Sighard Neckel.

– Wolfgang Storz

Sighard Neckel, Soziologe, ist Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg. Seine Themen: soziale Ungleichheit, Finanzmarktkapitalismus, Refeudalisierung moderner Gesellschaften. Von ihm erschienen zuletzt »Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt« (2010) u.a. mit Claudia Honegger; »Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Leistungsgesellschaft« (2013).

Die Weltwirtschaft ist bereits intensiv verflochten. Diese Internationalisierung wird mit Industrie 4.0, Digitalisierung und Roboterisierung noch einmal enorm zunehmen. Starke Wirtschaftskräfte wollen weltweit gute Geschäfte machen. Haben wir es bei dem antidemokratischen politischen Nationalismus nicht mit einem letzten Aufbäumen zu tun? Wird er nicht bald von den herrschenden Wirtschaftsinteressen weggefegt werden?

Sighard Neckel: Das Gegenteil ist der Fall. Die heutige Situation zeigt doch: Einer wirtschaftlichen Liberalisierung folgt die Demokratie keineswegs auf dem Fuße. In meiner eigenen Disziplin war dies einst die starke Annahme der soziologischen Modernisierungstheorie: Dort, wo es Märkte gibt, entstehen über kurz oder lang auch Freiheitsrechte und Demokratie. Ein Irrtum, nichts davon ist wahr.

Aber: Der Front National liegt schon lange zwischen 20 und 30 Prozent, kam jedoch noch nie an die Regierung. Norbert Hofer hat in Österreich gegen den grünen Präsidentschaftskandidaten Van der Bellen klar verloren. Trump hat in absoluten Zahlen gut zwei Millionen Stimmen weniger erhalten als Hillary Clinton, eine der verhasstesten Vertreterinnen des US-Establishments. Werden die Gefahren nicht übertrieben?

In der Tat sehe ich die Entwicklung als dramatischer an. Auch Hitler hatte in den freien Wahlen bis 1933 nie die Mehrheit errungen. Schauen Sie sich die Politik von Trump in den ersten Wochen nach Amtsantritt an. Autokraten wie er nutzen, gerade wenn sie unvorhergesehen an die Macht gekommen sind, ihre Regierungsposition sogleich, um dafür zu sorgen, dass ihnen die Macht mit demokratischen Mitteln möglichst nicht mehr genommen werden kann. Das hat Putin so gemacht, so handelt Erdogan, Trump folgt ihnen offenbar. Denken Sie nur an den Generalangriff von Trump auf kritische Medien und die unabhängige Justiz. Oder an seine Politik der Dekrete. Das hat System. Da ist es nicht mehr weit zu einer Art Notstandspolitik. Sollen wir wirklich glauben, dass Trump und sein Apparat eines Tages bereit sein werden, die politische Macht freiwillig wieder abzugeben? Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Trump-Regierung die USA in den kommenden Jahren stattdessen in eine Art Bürgerkrieg hineinführen wird. …

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