Traumatisierte Gesellschaft

Wie wir unsere Lebensenergie für Konstruktives einsetzen.

– Florian Ernst Kirner

“Meine Utopie sind Menschen, die sich selbst lieben und achten, die selbst denken, die wissen, was sie in ihrem Leben wollen. Solche Menschen brauchen keine Feindbilder und auch keine Trugbilder des schönen Scheins, denen sie hinterherlaufen. Sie fühlen sich gut, weil sie bei sich sind. Keiner muss dann besser sein oder mehr haben als der andere”, erklärt der Traumaforscher Prof. Franz Ruppert, Mitglied im Rubikon-Beirat, im Interview. Und umreißt, was dieser Utopie im Wege steht.

Herr Professor Ruppert, zunächst einmal freuen wir uns, Sie im Beirat des Rubikon begrüßen zu dürfen. Das Projekt Rubikon wollte von Anfang an über klassische politische Zugänge zu gesellschaftlichen Themen hinauszugehen. Deswegen ist für uns die Einbindung eines Psychologen und Therapeuten besonders wertvoll. Können Sie für die, die Sie noch nicht kennen, beschreiben, warum Sie diesen Beruf gewählt haben und wie Ihre aktuelle Arbeit aussieht?

Ja, gerne. Zunächst habe ich Psychologie studiert und später eine Ausbildung zum Psychotherapeuten gemacht. Durch diese Kombination bin ich jetzt psychologischer Psychotherapeut, wobei ich zwischenzeitlich im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie tätig war und mich mit Arbeitszufriedenheit, Arbeitssicherheit und der Gesundheitskultur in Unternehmen beschäftigt hatte.

Seit 1994 bin nun ausschließlich im therapeutischen Bereich tätig. Ich habe einerseits eine Fachhochschulprofessur mit Lehrveranstaltungen zur Psychologie und andererseits eine eigene Praxis in München. So konnte ich über die letzten 20 Jahre meine eigenen Theorien weiterentwickeln und gleichzeitig in der Praxis sehen, ob diese Theorien stimmen: Ob sie also Menschen weiterhelfen können, die mit ihren psychischen Problemen zu mir kommen.

Entscheidend für meinen Weg war der Kontakt mit der Methode der Aufstellung. Mit deren Hilfe bekommen wir einen direkten Zugang zur inneren Welt von Menschen. Aufstellung bedeutet, dass andere Menschen mir mein tiefstes Inneres widerspiegeln. Das klingt zwar zunächst paradox, dass andere mein Inneres besser erkennen als ich selbst, aber es funktioniert.

Mit dieser Methode kann man die menschliche Psyche im Detail studieren. Die Psyche eines Menschen wird nicht nur indirekt sichtbar in seinen Äußerungen, sondern sie wird so unmittelbar begreifbar in ihren verschiedenen, vor allem auch unbewussten und verdrängten Dimensionen. Dadurch habe ich zum Beispiel viel gelernt über die Mutter-Kind- und die Vater-Kind-Bindung. So bin ich auch auf John Bowlby gestoßen, einen englischen Forscher und Psychotherapeuten.

Bowlby hat von 1911 bis 1990 gelebt und ist der Begründer der Bindungstheorie. Seine Bücher haben mir sehr geholfen zu verstehen, dass das Fundament der menschlichen Psyche in der Mutter-Kind-Bindung liegt. Ich habe auch viel gelernt von Peter Levine, einem amerikanischen Psychologen, der sich als einer der Ersten mit dem Thema Trauma beschäftigt hat. Das hat mir ein zweites Mal die Augen für das Wesen der menschlichen Psyche geöffnet. Auch das Buch von Judith Hermann mit dem Titel ‚Die Narben der Gewalt’ hat mir viel über Beziehungstraumata klargemacht.

Dann sind Sie also in gewisser Hinsicht ein Traumaforscher?

Ja, weil das Phänomen Trauma der Dreh-und Angelpunkt für ein tieferes Verständnis der menschlichen Psyche ist. Diese Psyche ist eigentlich ein wunderbares Tool, mit der Realität klarzukommen, in der wir leben, um unser Leben gut zu gestalten. Daher beschäftigt mich die Frage: Was kann die Psyche eines Menschen so weit in Not bringen, so sehr zerstören, dass diese ihm nicht mehr zur Verfügung steht als sein Werkzeug für ein gutes Leben? Dass ein Mensch im Endeffekt sogar der Sklave seiner eigenen Psyche wird oder diese Psyche ihn zu Dingen zwingt, die er eigentlich gar nicht will. …

https://www.rubikon.news/artikel/traumatisierte-gesellschaft

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