Vollbeschäftigung für Roboter

Immer mehr Arbeiten werden von Maschinen ausgeführt. Aber was eine Befreiung sein könnte, entpuppt sich im digitalen Kapitalismus als Verschärfung der Ausbeutung

– Timo Daum

 

Das Kapital sind wir.

Zur Kritik der digitalen Ökonomie

 

Am 12. September erscheint in der Hamburger Edition Nautilus Timo Daums Buch »Das Kapital sind wir. Zur Kritik der digitalen Ökonomie«.

Die Redaktion dokumentiert im folgenden ein gekürztes und leicht bearbeitetes Kapitel. Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

In den automobil-futuristischen 60er Jahren debattierte man die Frage, ob Tankwarte bald durch Roboter ersetzt werden würden. Im Zuge einer allgemeinen Technikeuphorie schien es nur noch eine Frage der Zeit, bis deren einfache Tätigkeit durch maschinelle Kollegen übernommen werden würde, was erhebliche Kosteneinsparungen zur Folge hätte. Demgegenüber gaben andere zu bedenken, der Job sei doch zu facettenreich, um von einem Automaten erledigt werden zu können, und außerdem würden die Kunden die menschliche Interaktion sicher vermissen. Die Arbeit erscheine nur auf den ersten Blick einfach und mechanisch, die Jobs der Tankwarte seien also sicher.

Schlussendlich hat keine von beiden Seiten recht behalten. Das Selbsttanken kam in Mode und wurde durch begleitende Werbekampagnen als modern und zeitgemäß verkauft. Binnen weniger Jahre machten die Kunden der Tankstellen den Job selbst, die Tankwarte wurden arbeitslos, und von Tankrobotern sprach niemand mehr. Zweierlei kann man daraus lernen: Erstens wird nicht alles, was automatisiert werden kann, auch tatsächlich automatisiert. Zweitens bleiben aber auch nicht zwangsläufig die Arbeitsplätze erhalten. Oft wird einfach rationalisiert, indem Arbeitsabläufe zum Kunden hin verlagert werden. Ob in Schnell­restaurants und Selbstbedienungscafés oder beim Flugbuchen, beim Onlinebanking oder beim Fahrkartenkauf – die Beispiele sind Legion. Zur Zeit überall in Deutschland in der Testphase in Baumärkten und Supermärkten: Kassier selbst! Das hat Zukunft.

Verschwindende Arbeit

Im Jahr 1964 lieferte das »Ad hoc Committee on the Triple Revolution« ein Memorandum für den damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, an dem so illustre Persönlichkeiten wie der Chemie-Nobelpreisträger Linus Pauling mitgearbeitet hatten. Eine neue Ära der Produktion habe begonnen, deren Grundlagen sich von der industriellen so sehr unterschieden, wie diese sich von der Landwirtschaft unterschieden habe, schrieben die Autoren. Eine Kombination aus Computern und automatisierten selbstregulierenden Maschinen werde zu einer »nahezu grenzenlosen Produktionskapazität« führen, die zunehmend weniger menschliche Arbeit erfordere. So beschrieben die Autoren die kommende digitale Revolution. Im Jargon der zu jener Zeit modernen Kybernetik formuliert findet sich hier ein frühes Beispiel für eine euphorische Automatisierungsprognose. Die Frage, ob und wie Roboter unsere Jobs übernehmen, ist also nicht neu. Und die Überschätzung des Aktionsradius der nach dem Mathematiker Alan Turing benannten Turingmaschine, einem einfachen, abstrakten Modell eines Computers, das Algorithmen mathematisch erfassbar macht, ebenso wenig.

Zehn Jahre später bezeichnete Daniel Bell, Verfasser des Gründungsdokuments der sogenannten Informationsgesellschaft, das Memorandum als nicht viel mehr als »eine sozialwissenschaftliche Fiktion der frühen 1960er Jahre«. Bell und andere hielten zwar die Abschaffung einfacher körperlicher Arbeit für einen realen Trend, sahen aber gleichzeitig eine neue Klasse im Werden, die Wissensarbeiter. Als Folge der Automatisierung entstehe eine neue, gut ausgebildete und besser verdienende Elite von Wissensarbeiterinnen und -arbeitern (White-collar workers). Bell wurde mit seiner These von der Höherqualifizierung (Up-skilling) durch Computerisierung weltberühmt und nahm dieser ihren Schrecken.

Die These vom Ende der Arbeit durch Automatisierung griff in den 1990er Jahren, neben zahlreichen anderen wie dem Philosophen André Gorz, insbesondere Jeremy Rifkin auf. In seinem 1995 erschienenen Buch »Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft« wird die Turingmaschine wiederum als direkte Ursache für eine kommende, irreversible Massenarbeitslosigkeit angeführt. Rifkin behauptet darin, dass sich die Arbeitslosigkeit international infolge der Automatisierung und Ausbreitung der Informationstechnologien massiv erhöhen würde, während Millionen Arbeitsplätze in Industrie, Einzelhandel, Landwirtschaft und im Dienstleistungssektor durch die digitale Revolution überflüssig würden. Er schreibt: »Das Informationszeitalter hat begonnen, und dank immer leistungsfähigerer Computerprogramme werden wir schon bald in einer Welt ohne Arbeit leben.«¹

Auch diese Vorhersage ist nicht eingetreten. Haben die mikroelektronische Revolution, die Digitalisierung, der Einsatz von Robotern nun einen globalen Effekt auf Arbeitsplätze? …

https://www.jungewelt.de/artikel/317775.vollbesch%C3%A4ftigung-f%C3%BCr-roboter.html

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