Sofern jemals eine militärische Leistung zu bewundern ist, dann diese.

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow (1939-2017)
Der Mann, der einen “Atomkrieg aus Versehen” verhinderte, ist tot.

– Markus Kompa

Wie nunmehr inoffiziell bekannt wurde, ist Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow bereits am 19. Mai diesen Jahres verstorben. Petrow war einst als kommandierender Offizier im Satellitenkontrollzentrum für die Beobachtung westlicher Raketensilos und damit für die Einschätzung verantwortlich, ob die Sowjetunion atomar angegriffen wird. Ende September 1983 meldeten die Spionagesatelliten aufgrund einer technischen Fehlfunktion Starts von insgesamt fünf nuklearen Interkontinentalraketen, die sich scheinbar im Anflug auf die Sowjetunion befanden.

Im politisch besonders angespannten Herbst 1983 rechneten KGB und Politbüro mit einem Überraschungsangriff, wie ihn Reagans ultrarechter Freund General Lyman Louis Lemnitzer Anfang der 1960er Jahre projektiert hatte (Der General mit dem Knall). Die Reaktionszeit für den Befehl zum Gegenschlag betrug 1983 nur etwa 30 Minuten. Während in der Kuba-Krise das nukleare Potential und interkontinentale Transportsysteme insbesondere der Sowjetunion beschränkt waren, hätte 1983 eine Fehlentscheidung nicht mehr revidiert werden können.

In jener Nacht bewahrte Oberstleutnant Petrow die Nerven und wartete die 20 Minuten später eintreffende Meldung der Radarüberwachung ab, die keine ballistischen Raketen erfassen konnte. Eine hysterische Reaktion auf den Fehlalarm hätte den inzwischen vom Computersystem automatisch geweckten Staatschef zum von Kennedy stets befürchteten “Atomkrieg aus Versehen” verleiten können.

Der Autor hatte 2009 das Vergnügen, Petrow im Rahmen eines politischen Theaterstücks persönlich kennen zu lernen. Eine Aufzeichnung der ungewöhnlichen Inszenierung des Regie-Kollektivs Rimini Protokoll im Landestheater Düsseldorf findet sich auf dessen Homepage. Damals durfte der Autor jeden Abend in der Vorstellung Petrow erneut den “Preis der Weltbürger” überreichen und fand Gelegenheit, mit Petrow ausgiebig über das fatale Ereignis zu sprechen (Stanislaw Petrow und das Geheimnis des roten Knopfs).

Nach wie vor verbreiten ARD/ZDF/PHOENIX in diversen Dokumentationen die historische Fake News, ausgerechnet der geisteskranke Kriegstreiber Reagan habe die gespannte Lage durch Mäßigung seiner Rhetorik heldenhaft entschärft, weil der Doppelagent Oleg Gordijewski die westlichen Geheimdienste vor der sowjetischen Kriegsangst gewarnt habe. Diese infame Propagandalüge ist spätestens seit Freigabe des bis 2015 höchstgeheimen PFIAB-Berichts widerlegt: Die US-Regierung erfuhr erstmals 1984 von der Soviet War Scare – und hielt diese für Desinformation (Um Haaresbreite).

Die wahren Helden des Dramas von 1983 waren in Wirklichkeit Menschen, die im entscheidenden Moment die Courage hatten, ihre Befehle zu missachten. Menschen wie Lieutenant General Leonard H. Perroots (Der General mit dem Bauchgefühl), Rainer Rupp (Der Nato-Spion) und Oberstleutnant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow. Sofern jemals eine militärische Leistung zu bewundern ist, dann diese.

https://www.heise.de/tp/news/Stanislaw-Jewgrafowitsch-Petrow-1939-2017-3827402.html

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