Vom bewaffneten Kampf zur Strategie des Glücks – Über die Autobiographie von Lutz Taufer

„Es dauerte lange, bis ich in meinem Fühlen und Denken zulassen konnte, dass die Tötung zweier Geiseln auf grausame Weise, für die ich mitverantwortlich bin, ein Verbrechen ist, das durch nichts zu rechtfertigen ist“, notiert Lutz Taufer in seiner Autobiographie Über Grenzen.

– Götz Eisenberg

Er beschreibt den Weg aus der badischen Provinz in die antiautoritäre Revolte und nach deren Auflösung in den bewaffneten Kampf der RAF. Im Gefängnis setzten Lernprozesse ein und es wurde ihm klar, dass die befreite Gesellschaft bereits in den Mitteln erkennbar sein muss, die zu ihrer Erreichung angewandt werden. Hass und Gewalt verzerren die Züge der Kämpfenden und entstellen das Antlitz der Revolution. Am Ende kommt es zu der grotesken Situation, dass sich die, um deren Befreiung es gehen soll, von denen bedroht fühlen, die sie befreien wollen. Nach der zwanzigjährigen Haft ging Lutz Taufer als Entwicklungshelfer nach Brasilien und versuchte dort in den Favelas, Ansätze einer „Strategie des Glücks“ zu verwirklichen.

„Ich bin ein alter Revolutionär, der den Hoffnungen, die er begraben musste, treu geblieben ist.“
(Manès Sperber)

Eigentlich bin ich in den Süden der Niederlande gereist, um Rad zu fahren, im Meer zu schwimmen und meinen Kopf in die Seeluft zu halten. Aber seit ich hier bin, regnet und stürmt es unablässig. An Baden kein Gedanke, Rad fahren geht nur in wenigen regen- und sturmfreien Stunden. Unter solchen Bedingungen greift unsereiner zum Buch. Vor der Abreise hatte ich eine Tasche mit Büchern vollgepackt, aus der ich nun das Buch von Lutz Taufer hervorzog, das Über Grenzen. Vom Untergrund in die Favela heißt. Und das war, um es gleich vorwegzunehmen, ein guter Griff. Das Buch passte zu den stürmischen Bedingungen um mich herum und hat mir die vergangenen Tage gerettet. Selten hat mich in letzter Zeit eine Lektüre so gefesselt und in Atem gehalten. Und das liegt nicht nur daran, dass ich schnell auf Einiges stieß, das uns verbindet, obwohl Lutz Taufer einige Jahre älter ist als ich.

Putsch in Chile

Ich begann am 11. September damit, diese Rezension zu schreiben. Dieses Datum ist für Lutz Taufer wie für mich in erster Linie der Jahrestag des 11. September 1973, als das chilenische Militär mit tatkräftiger Unterstützung der USA gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende putschte und diesen ermordete, und erst in zweiter Linie der Jahrestag der Ereignisse, für die sich das Kürzel 9/11 eingebürgert hat. Der damalige US-Außenminister Henry Kissinger hatte dem chilenischen Botschafter Orlando Letelier gegenüber den Putsch mit den Worten angekündigt: „Chile hat keinerlei strategischen Wert. Wir können unser Kupfer aus Peru, Sambia, Kanada beziehen. Ihr habt nichts, was entscheidend sein könnte. Aber wenn dieses Projekt Sozialismus à la Allende sich durchsetzt, werden wir in Frankreich und Italien ernsthafte Probleme bekommen, wo Sozialisten und Kommunisten gespalten sind, sich aber an diesem Projekt ein Beispiel nehmen und sich zusammenschließen könnten. Und dies würde die Interessen der Vereinigten Staaten substantiell tangieren. Wir werden es nicht zulassen, dass es zum Erfolg geführt wird. Nehmen Sie dies zur Kenntnis.“ Drei Jahre nach dem Putsch wurde Letelier im Exil von der chilenischen Geheimpolizei ermordet. …

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