“Das Erbe von Che ist lebendig”

Anlässlich des Todestages von Che Guevara am 9. Oktober 1967 sprach Amerika21 mit seiner Tochter Aleida Guevara

– Interview: Sergio Ferrari

Ernesto "Che" Guevara am 2. Juni 1959

Ernesto “Che” Guevara am 2. Juni 1959

Ein halbes Jahrhundert nach seiner Ermordung in La Higuera, Bolivien, ist Ernesto “Che” Guevara nach wie vor eine universelle politische Figur. Es gibt praktisch keine soziale Mobilisierung, wo das Gesicht des argentinisch-kubanischen Guerilleros nicht auf einem Banner auftaucht. Am 9. Oktober 1967, als er im bolivianischen Dschungel fiel, war er gerade einmal 39 Jahre alt. Wenige politische Persönlichkeiten haben die Zeitgeschichte in einer so kurzen Lebensspanne derart geprägt. Ein Grund dafür könnte sein ganzheitlicher Humanismus sein, glaubt seine Tochter Aleida Guevara. Die Kinderärztin lebt in Kuba, wo sie am 17. November 1960 als Älteste von vier Geschwistern geboren wurde – kaum zwei Jahre nach der kubanischen Revolution und nur vier Jahre, bevor ihr Vater zuerst in den Kongo, dann nach Bolivien in den internationalistischen Kampf zog. Amerika21.de hat Dr. Aleida Guevara bei einem kürzlichen Besuch in der Schweiz getroffen.

Was ist das Wichtigste, das Sie von Ihrem Vater geerbt haben?

Das ist ohne Zweifel seine Fähigkeit zu lieben. Obwohl ich noch sehr jung war, als er physisch aus meinem Leben verschwand, sah ich meinen Vater immer als einen kompletten Menschen. Nicht als Ikone oder als leeres Bildnis, sondern als einen liebenden Menschen. Diese spürbare Anwesenheit meines Vaters verdanken wir meiner Mutter. Sie ist eine außergewöhnliche Frau, die diese Liebe auf uns Kinder übertragen hat. Mein Vater war immer gegenwärtig. Er war immer „der Gute” des Films. Wir mussten guterzogene Kinder sein, gute Schüler, denn wir liebten unseren Vater und wollten, dass er stolz auf uns ist. Meine Mutter hat es jedoch geschafft, dass wir dieses Gefühl verinnerlichten, ohne uns etwas aufzuzwingen, auf natürliche Weise.

Welches sind Ihre bewussten, realen Erinnerungen an Ihren Vater?

Als ich 16 Jahre alt war, gab mir meine Mutter einige handgeschriebene Seiten zu lesen, ohne mir zu sagen, wer der Autor war. Ich vertiefte mich in diesen Text, bis ich merkte, dass er ihn geschrieben hatte. Es waren Aufzeichnungen über seine erste Reise durch Lateinamerika. Es war sehr schön, diesen jungen Mann kennenzulernen, der mein Vater war und mir auf eine Weise sehr nahe war. Er war damals ein Junge in meinem Alter gewesen. Es war nicht der Mann, den ich kannte, weil ich wie alle kubanischen Kinder über ihn gelesen hatte, also der heldenhafte Guerillero, der Kommunist, der Staatsmann, der Anführer. Ich entdeckte in dem Text, wie er als junger Mann gewesen war. Das war eine wunderschöne Erfahrung!

Diese Fähigkeit zu lieben, die Sie als eine Tugend von Che hervorhoben – ist das ein Vermächtnis für die ganze Gesellschaft oder ist sie auf das familiäre Umfeld beschränkt?

Wir veröffentlichen alle seine Reden im Studienzentrum “Che Guevara” in Havanna. Er hebt immer zwei Maximen hervor: das Lernen und die menschliche Sensibilität. Junge Menschen sollten sich mit der Natur beschäftigen um von ihr zu lernen, ohne sie zu verletzen. Wir können die Natur zwar kontrollieren, aber wir müssen sie respektieren. Und die Menschen müssen für alles sensibel sein, was in irgendeiner Ecke des Planeten passiert. Ohne diese Empfindsamkeit können sie nicht vollständige Menschen werden. Wir brauchen Menschen mit dieser Fähigkeit, um eine andere Welt aufzubauen. Wie könnten wir sonst einen kubanischen Arzt bitten, nach Afrika zu gehen, um beispielsweise Ebola zu bekämpfen? Mein Vater sagte: “Ihr könnt mich romantisch oder lächerlich finden, aber ich sage euch, dass der wahre Revolutionär von großen Gefühle der Liebe geleitet wird. Sonst kann er kein echter Revolutionär sein.” …

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