NSU-Prozess: “Verfassungsschutz, Bundesanwaltschaft und Gericht haben die Aufklärung behindert”

Plädoyers der Nebenklage: Antonia von der Behrens liefert eine Gegen-Erzählung der Mordserie zur amtlichen Version

– Thomas Moser

Widersprechende Erzählungen prägen die NSU-Geschichte: Einerseits die der obersten Strafverfolgungsbehörde, für sämtliche Taten seien ausschließlich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos verantwortlich, Beate Zschäpe habe mitgeholfen. Es gebe keine weiteren Täter und staatliche Verstrickungen schon gar nicht. Dagegen steht unter anderem die Version, die die Drei-Täter-Theorie in Frage stellt, von einem Unterstützer-Netzwerk ausgeht und ein staatliches Mitverschulden sieht.

Im Juli und September hat die Bundesanwaltschaft (BAW) ihre Sicht der NSU-Mordserie vor dem Oberlandesgericht (OLG) München dargelegt, die jedoch eine Vielzahl von Fragen unbeantwortet lässt (vgl. Plädoyers im NSU-Prozess: Bundesanwaltschaft kann vieles nicht erklären). Jetzt hat eine Anwältin der Nebenklage dieses Plädoyer gekontert und eine fundierte Gegen-Rede gehalten, die viele Puzzlestücke vollkommen anders zusammensetzt, als die BAW.

Rechtsanwältin Antonia von der Behrens vertritt das jüngste Kind des Mordopfers Mehmet Kubasik, der 2006 in seinem Kiosk in Dortmund mit der Ceska-Pistole erschossen wurde. Der Junge war damals sechs Jahre alt. Mehmet Kubasik wurde 39 Jahre alt. Er hinterließ seine Frau und drei Kinder. Die Familie Kubasik, so von der Behrens, habe ihren Anwälten deutlich gemacht, dass für sie über die in München Angeklagten hinaus weitere Aufklärung nötig sei. Das betreffe das Netzwerk hinter dem NSU, unter anderem auch in Dortmund, aber auch staatliches Mitverschulden.

An die Adresse der BAW gerichtet, sagte die Opferanwältin, wer von einem Täter-Trio ausgehe, könne einfacher sagen, staatliche Stellen wussten von nichts, als derjenige, der von einem Netzwerk ausgehe, zu dem auch V-Leute des Verfassungsschutzes zählten. Wenn der Generalbundesanwalt seine Aufgabe so verstanden habe, lediglich drei Mitglieder der terroristischen Vereinigung NSU nachzuweisen, dann greife das zu kurz.

Die Plädierende ergänzte: Die Rolle des Verfassungsschutzes in der rechten Szene und das staatliche Mitverschulden mindere allerdings nicht die Schuld der fünf Angeklagten. …

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