Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte

Was fehlt in der Berichterstattung über den syrischen Krieg? Christoph Zöpel über ein umstrittenes Buch.

– Christoph Zöpel

Michael Lüders, Journalist und Fachbuchautor mit jahrelanger Erfahrung im Mittleren Osten, „erzählt“ die „fehlenden Teile“ der Geschichte vom syrischen Krieg, die in der Politik und in den Medien kaum eine oder nur eine geringe Rolle spielen. Dabei kann Fehlen auch eine Beurteilung meinen, die Lüders für falsch hält und die ihn empört, im Hinblick auf Medien und Think Tanks, wenn sie Fragwürdigkeiten als Wahrheiten ausgeben. Lüders Quintessenz ist: In Syrien geht es nicht um „Werte“, sondern um Interessen. Diese Interessen verfolgt Lüders entlang zweier inhaltlicher Stränge, dem Schattenspiel amerikanischer Politik und Geheimdienste und dem Wirken der Handlungsträger vor Ort.

Der erste Strang beginnt mit der imperialen Politik Großbritanniens und Frankreichs nach dem Ende des Osmanischen Reiches, die zum Ziel hatte, einen großen arabischen Staat zu verhindern. So entstanden Irak und Jordanien als britische, Syrien und Libanon als französische Protektorate, staatliche Gebilde ohne wirkliche Identität und ohne gesellschaftliche Basis. In dieses politische Vakuum stießen US-amerikanische Interessen: wegen des Öls, zum Schutze Israels und als Teil des Kalten Krieges mit der Sowjetunion.

So kam es bereits 1949 zu einem ersten vom CIA initiierten Putsch gegen den gewählten syrischen Präsidenten Schukri al Quwatli. Die Folge waren wachsende Instabilität und wiederholte Umsturzversuche, in die die USA weiter involviert waren. Weil diese Politik der USA nicht geheim blieb, entstand der Einfluss der sozialistisch orientierten Baath-Partei mit einer Hinwendung zur Sowjetunion. Schließlich konnte sich 1970 Hafis al Assad, Repräsentant der religiösen Minderheit der Alawiten, namens der Baath-Partei an die Macht putschen, er wurde zum entscheidenden Handlungsträger vor Ort. Auf die Armee gestützt sicherte Assad gewaltbereit seine Herrschaft.

Dass Alawiten die Armee dominieren, ist eine Folge der französischen Protektoratspolitik, die Minderheiten stützte, um einer nationalistischen Einheit der Araber entgegenzuwirken. Seit 2000 setzte Hafis al Assads Sohn Baschar das Herrschaftssystem fort. Es gewährt religiöse Toleranz, jede Glaubensgemeinschaft kann nach ihrer Façon selig werden, und es entspricht den wirtschaftlichen Interessen der sunnitischen Unternehmer. Dieses Herrschaftssystem kam in die Krise als im arabischen Frühling 2011 junge Aktivisten protestierten – gegen soziale Ungerechtigkeit, Korruption und den Sicherheitsapparat. Das Assad-Regime reagierte wie seit 40 Jahren – mit unnötiger, exzessiver Gewalt. Aber so weitete sich der Widerstand aus, getragen von verarmten Sunniten, von Bauern die unter Dürre litten, vom sozialen Prekariat. Die religiösen Minderheiten und die sunnitischen Händler haben sich herausgehalten. Lüders meint, dass eher mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht gegen Assad ist. …

http://www.ipg-journal.de/aus-meinem-buecherschrank/artikel/wie-der-westen-syrien-ins-chaos-stuerzte-2119/

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