Begriffene Zukünftigkeit

Vorabdruck. Über die Notwendigkeit einer konkreten Utopie als Bestandteil des Marxismus

– Thomas Metscher

In diesen Tagen erscheint im Kasseler Mangroven-Verlag der Band »Integrativer Marxismus«. Verfasser ist der Literaturwissenschaftler und Philosoph Thomas Metscher. Wir veröffentlichen daraus vorab und mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor einen Auszug aus dem dritten Hauptstück. (jW)

Der Marxismus ist nicht nur das Denken gegebener Wirklichkeit, sondern auch das Denken des Möglichen als Teil dieser Wirklichkeit. Die Welt, die er in Gedanken fasst, enthält als geschichtliche die Zukunft im Sinn historischer Möglichkeit. Daher ist der Marxismus, gerade weil er auf das Ganze einer historischen Welt geht, nicht allein Denken des Gegenwärtigen und Vergangenen, sondern auch Denken des Zukünftigen: antizipatorisches Denken im Sinn eines Denkens konkreter Utopie. Die Kernkategorie dieses Denkens ist der Begriff einer neuen Kultur. Die Frage nach den Konturen eines zukunftsfähigen Marxismus ist also zu ergänzen durch die Frage nach den Konturen dieser neuen Kultur. Ja, diese Frage gehört zu den Anforderungen, die an jeden zukünftigen Marxismus zu stellen sind. Dabei geht es um keinen Rückfall in einen utopischen Sozialismus, sondern um das Einbringen eines utopischen Moments in das marxistische Denken selbst. Diese These, so scheint es, steht im Widerspruch zu grundlegenden Auffassungen des traditionellen Marxismus. Sie bedarf deshalb einer näheren Begründung.

Epoche sozialer Stagnation

Das marx-engelssche Denken ist bekanntlich von Beginn an als antiutopisches Denken konzipiert. Es versteht sich, in Engels bekannter Formulierung, als »Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« (so der Titel der 1883 in Zürich erschienenen Schrift), und in der Tat finden sich in ihm, von einigen allerdings sehr gehaltvollen Stichworten abgesehen, keine Ausführungen darüber, wie die nachkapitalistische (also sozialistisch-kommunistische) Gesellschaft aussehen würde. Und auch in dem auf Marx und Engels aufbauenden Denken, das heute unter dem Allerweltstitel »Marxismus« firmiert, gibt es wenig, das von dieser Grundorientierung abgewichen ist. Die große philosophische Ausnahme ist bekanntlich Ernst Bloch, der ausdrücklich versuchte, das utopische Moment unter dem bedeutungsvollen Namen »begriffener Zukünftigkeit« (einer »Ontologie des Noch-nicht-Seienden«) in den Marxismus hineinzuholen; ein wichtiger, weitreichender Beitrag, dessen Leistung und Grenzen nicht mit wenigen Worten abgehandelt werden können.

Meine Frage ist, ob dieser Sachverhalt dem Marxismus nicht nur zum Vorteil gereicht, sondern vielleicht auch abträglich ist. Ich spreche aus heutiger Sicht; denn keineswegs will ich in Abrede stellen, dass Marx und Engels gute Gründe hatten, den »neuen Materialismus« konsequent auf Wissenschaft und auf keiner utopischen Konstruktion zu fundieren. Aus heutiger Sicht und für heute gesprochen sieht der Sachverhalt, meine ich, anders aus. Die Frage der Utopie stellt sich neu, und sie stellt sich mit einiger Dringlichkeit – wenn nicht aus theoretischen, so doch aus praktischen, nämlich politisch-geschichtlichen Gründen.

So befinden wir uns heute weltweit in einer Lage, in der der Marxismus nirgendwo mehr im Vordergrund politischen Handelns steht (von Kuba vielleicht abgesehen). Als geschichtsgestaltende Kraft spielt er in großen Teilen der Welt schlicht keine Rolle mehr; allenfalls die einer marginalen, im Hintergrund wirkenden Kraft. Das ist misslich zu hören, aber es ist so.

Betrachten wir die heutige politische Weltlage – und jede gründliche Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft (die sich selbst als »global« bezeichnet, deren genauer Name nach wie vor der des Imperialismus ist) kann nur weltpolitisch erfolgen –, so zeigt sich ein krasses Missverhältnis. Die Krise des Kapitalismus, dies ist die eine Seite, hat gegenwärtig Dimensionen erreicht oder bewegt sich auf einen Zustand zu, der an die Epochenkrise des frühen 20. Jahrhunderts erinnert. Verwerfungen werden sichtbar, die die Grundlagen der herrschenden Formation erschüttern, ja den Fortbestand zivilisierter Menschheit zur Frage werden lassen; zumindest den Fortbestand in einem Zustand anders als den einer technologisch organisierten Barbarei. Die Unfähigkeit der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft zu einer humanen Lebensgestaltung für die große Mehrheit der Erdenbewohner ist in einem Maß offenkundig geworden, das sich der ideologischen Verdeckung mehr und mehr entzieht. Die Krise, wenn sicher auch nicht alle ihre Dimensionen, ist heute für jedermann erkennbar – die Spatzen pfeifen es mittlerweile von den Dächern. Im Unterschied aber zum frühen 20. Jahrhundert, das im genauen marxschen Sinn eine Epoche sozialer Revolutionen war, ist die Lage gegenwärtig von ganz anderer Art. Sie ist, ich formuliere bewusst pointiert, eine Epoche sozialer Stagnation. Sicher: Es wird weltweit politisch gehandelt, aber wo anders als in der Perspektive der Aufrechterhaltung einer zukunftslosen, im Kern verrotteten gesellschaftlichen Ordnung? An vielen Orten der Welt gibt es größere oder kleinere, meist unerklärte und schmutzige Kriege. Sie laufen unter unterschiedlichsten Namen und dienen Zwecken ökonomischer, politischer oder religiöser Macht. …

https://www.jungewelt.de/artikel/324734.begriffene-zukünftigkeit.html?sstr=utopie

 

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