Das Modell Amazon

Springer-Preis für Konzernchef Bezos. Gastkommentar

– Pascal Meiser

Die Verleihung des Axel-Springer-Preises an Amazon-Chef Jeff Bezos für sein »visionäres Geschäftsmodell« sollte uns alle aufhorchen lassen. Offensichtlich halten die Meinungsmacher bei Springer den Konzern für ein Musterbeispiel für die Zukunft deutscher Unternehmenskultur.

Dessen Schlüssel für den Erfolg: Betriebe ohne Tarifverträge und gewerkschaftliche Rechte, dafür mit Befristungen ohne Ende, Dauerüberwachung und massivem Leistungsdruck. Am größten Standort im hessischen Bad Hersfeld hat nicht einmal ein Drittel einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Der durchschnittliche Lohn von Amazon-Beschäftigten liegt weit unterhalb der Vergütung vergleichbarer Tätigkeiten im Versandhandel. Der Konzern weigert sich trotz jahrelangen Arbeitskampfes sogar, mit der Gewerkschaft Verdi überhaupt über einen Tarifvertrag zu verhandeln.

Die Beschäftigten bekommen die dunkle Seite der Digitalisierung zu spüren. Sie arbeiten extrem eng getaktet und werden mittels Kameras und Scannern kontrolliert. Toilettenpausen werden immer wieder verweigert. Scannt man im Lager über drei Minuten keine Ware ein, wird man prompt zum »Feedbackgespräch« vorgeladen. Amazon hat sogar Armbänder patentiert, die jeden Handgriff nachverfolgen. Der Stress macht die Beschäftigten krank. Oft ist der Krankenstand an Amazon-Standorten drei- oder viermal so hoch wie in vergleichbaren Betrieben. Die »Lösung«, die sich Amazon für das Problem ausgedacht hat, ist besonders perfide: Wer sich krank meldet, verringert sowohl die eigene Bonuszahlung als auch die seiner Kollegen.

Gleichzeitig ist der US-Konzern mit Steuertricks und -schiebereien sehr erfolgreich. Laut Recherchen der britischen Zeitung The Guardian zahlte Amazon 2016 in Europa lediglich 0,07 Prozent Gewinnsteuer. Auch damit zeigt Amazon, wie wenig der Konzern von gesellschaftlicher Verantwortung hält. Für die Aktionäre zahlt sich dieses Modell wunderbar aus. Seit April 2013 hat sich der Umsatz von Amazon mehr als verdoppelt, auf fast 180 Milliarden US-Dollar. Der Aktienwert hat sich im gleichen Zeitraum mehr als versechsfacht. Amazon-Chef Bezos hat dieses Modell zum reichsten Mann der Welt gemacht. Laut Forbes ist sein Vermögen letztes Jahr um 39,2 Milliarden US-Dollar auf 112 Milliarden angewachsen. …

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