Wir wollen einfach eine Zukunft

Nahost: Die palästinensischen Demonstranten wollen den Staat Israel weder abschaffen noch negieren. Sie wollen lediglich, dass ihre Stimme gehört wird

– Atef Abu Saif

Am ersten Freitag des sogenannten “Großen Marsches der Rückkehr” ging ich mit meinen beiden jüngsten Kindern, Yasser und Jaffa, an die Grenze zwischen Gaza und Israel. Ich habe meine einzige Tochter nach der Stadt benannt, in der ich hätte zur Welt kommen sollen. Das ist eine kleine Tradition unter Palästinensern, insbesondere wenn der Name des Ortes einen ganz besonders eleganten Klang besitzt. Die beiden wedelten beim Gehen mit Palästina-Fähnchen, die sie in ihren kleinen Fäusten hielten. Als er direkt auf den Zaun blickte, fragte Yasser: „Papa, liegt Jaffa hinter diesem Zaun?“ Meine Tochter zeigte sich von dieser Doppeldeutigkeit völlig unbeeindruckt. Als ich in die Richtung eines der israelischen Scharfschützen blickte, der mit seinem Gewehr auf der errichteten Düne lag, die als Grenze fungiert, stellte ich mir vor, wir beide würden uns um die Wette anstarren. Meine Kinder stellen keine Bedrohung für dich dar, versuchte ich mit meinen Augen zu sagen. Wir sind über 300 Meter weit entfernt. Meine Kinder tragen keine Waffen, keine Steine; sie sind nicht hier, um zu kämpfen.

Das ist natürlich ein Tagtraum. Später an jenem Tag und in den Wochen, die folgten, wandten israelische Soldaten extreme Gewalt an, um das Gebiet zu räumen: Tränengas, das von Drohnen abgeworfen wurde, Mörser, scharfe Munition.

“Der große Marsch der Rückkehr”, diese friedliche Demonstration des Widerstandes, die die Bewohner des Gaza-Streifens in den vergangenen Wochen an der Grenze abhielten, kulminiert am Dienstag, am 70. Jahrestages dessen, was die Palästinenser die Nakba nennen und die Israelis als Geburt des Staates Israel begehen. Die Proteste an der Grenze haben viel Aufmerksamkeit geweckt. Dutzende wurden getötet – einschließlich Kindern, die kaum Teenager waren, und Journalisten – und Tausende mehr wurden verletzt. International besteht wohl die Sorge, dass die Lage in der Region weiter eskaliert. Während diese Sorge legitim ist, offenbart sie jedoch auch ein grundlegendes Missverständnis der Proteste.

Das Wort nakba bedeutet „Katastrophe“ und bezieht sich auf die Vertreibung von 700.000 Palästinensern aus ihren Städten und Dörfern, die der Ausrufung des israelischen Staates voranging. Die Mehrzahl der Dörfer und Städte wurde zerstört. Für uns war 1948 Jahr Null im kollektiven, unentrinnbaren Alptraum, den alle Palästinenser seitdem durchlebt haben. Alles, was folgte – die Umsiedlung, die Armut, die Kriege, die Ausgangssperren, die Verhöre, die Inhaftierungen, die Intifadas, der Hunger, der Mangel an Grundversorgung (Medikamente, Elektrizität, sauberes Wasser, Bewässerung), die Reisebeschränkungen … jeder Schrecken, der über die Palästinenser gekommen ist, nahm in diesem Moment seinen Ausgang. …

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#Gaza

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