„Der Nahostkonflikt ist hier“

Interview Hildegard Greif-Groß ist seit fast 4o Jahren Lehrerin in Berlin-Neukölln. Die türkische Community entfremde sich und religiöses Mobbing nehme dramatisch zu, sagt sie

– Maxi Leinkauf

Die Peter-Petersen-Grundschule in Berlin-Neukölln, ein Gemäuer aus roten Ziegelsteinen. Schulleiterin Hildegard Greif-Groß führt durch den langen Flur, an den Wänden hängen Zeichnungen mit Gesichtern aller Hautfarben. Im Gespräch kann sie energisch werden.

der Freitag: Frau Greif-Groß, Lehrer schreiben Brandbriefe, schlagen Alarm, sie seien überfordert. Religiöses Mobbing würde zunehmen. Was beobachten Sie?

Hildegard Greif-Groß: Schüler werden wegen eines Brotes mit Schweineschinken von streng muslimischen Mitschülern zur Rede gestellt, weil der Koran das verbietet.

Mobbing gab es immer. „Ey, du schwule Sau“, hieß es früher auf dem Schulhof. Ist es heute nur anders verpackt?

Ja, das gab es überall, auch in Dorfschulen. Neu ist wirklich, dass es so häufig religiös motiviert ist. Ich habe 1980 als Lehrerin an der Schule angefangen, war damals aus Hessen nach Westberlin eingewandert. In den ersten muslimischen Familien, die in den 1980er Jahren hierher kamen, da haben die Mütter in Fabriken gearbeitet: bei Bahlsen, in der Zigarettenfabrik, in der Brauerei – das war hier mal alles um die Ecke. Die Kinder sind in den Hort gegangen. Diese Kinder waren besser integriert, es gab mehr Zusammensein und eine größere Offenheit füreinander. Die türkischen Frauen haben für uns gekocht und ihre türkischen Spezialitäten mitgebracht. Und sie haben gefragt: Wie lebt ihr? Ich habe überhaupt kein Kopftuch in Erinnerung. Sie konnten nicht gut Deutsch, aber sie waren neugierig, wollten uns kennenlernen. Und wir sie. Das ist nicht mehr da.

Warum nicht?

Es gibt hier Väter, die waren schon meine Schüler. Die sind aus einfachen Verhältnissen gekommen, haben sich aber hochgearbeitet. Dann wurde die Community immer größer. Man kann hier zum Bäcker, zum Arzt, zum Friseur gehen und überall nur Türkisch sprechen.

Darauf ziehen sich viele zurück?

Ja, aber diese ganze Religiosität ist erst nach und nach gekommen. Man hat früher mal über den Islam geredet, aber das stand nicht so im Vordergrund. Jetzt kann man das Religiöse und die Politik der Türkei kaum noch trennen. Ich habe manchmal das Gefühl, die extremsten Anhänger Erdogans leben hier in Deutschland. …

https://www.freitag.de/autoren/maxi-leinkauf/schule-der-angst

This entry was posted in Berlin, Esoterik, Freiheit, Gerechtigkeit, Kultur, Politik, Propaganda, Rassismus, Selbstorganisation, Terror and tagged , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply