Nicht die Gier – das System ist das Problem

Besteht der Finanzkapitalismus nur aus Gier und Maßlosigkeit? Der Journalist Joris Luyendijk behauptet: Nein. Er gründet dieses Ergebnis auf eine soziologische Feldstudie. Denn er hat Banker als Spezies besichtigt und kommt zu der Erkenntnis: Das Problem ist systemischer Natur.

– Roberto J. De Lapuente

Bevor man über ein Buch zum Thema Banken oder Finanzsystem berichtet, sollte man wohl die Frage beantworten, weshalb ausgerechnet dieses eine Buch erwähnenswert sei. Es gibt schließlich einen ganzen Ozean von Büchern zu dieser Sache. Ziemlich gute Exemplare zumal. Aber »Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt« von Joris Luyendijk hat ein Alleinstellungsmerkmal vorzuweisen. Es geht nämlich mit einer ganz anderen Voraussetzung ans Werk.

Wo andere Autoren sich als ausgewiesene Kenner des Systems präsentieren, hat der niederländische Journalist einen ganz anderen Ansatz: Er hatte von der Materie so gut wie keine Ahnung und wollte sich Schritt für Schritt in den Stoff hineinarbeiten. Und das nicht etwa, indem er im Vorfeld Recherche betreibt und dann dem Leser ein schlüssiges Werk vorlegt, sondern indem er den Leser quasi minutiös an seinem Erkenntnisgewinn teilhaben lässt.

Dem Chefredakteur des Guardian kam das in den Sinn, er fragte bei Luyendijk an, ob der nicht Interesse daran hätte, als wöchentliche Kolumne ein kompliziertes Thema zu beleuchten. Für die niederländische Zeitung NRC Handelsblad hatte er für diese Art von Erschließungsjournalismus Erfahrung gesammelt. Dort ging er der Frage nach, ob Elektroautos die Zukunft darstellen. In Gesprächen mit Insidern machte er sich ein weites Bild zur Lage, »sodass über die Monate eine Lernkurve aus Geschichten entstand«.

Nun sollte es also nochmal eine Nummer größer sein: Die Banken. Dazu sollte er unzählige Interviews mit Bankern aus dem Londoner Finanzdistrikt führen und Schritt für Schritt ein Bild von den Vorgängen im Finanzwesen liefern. Am Ende kam ein äußerst lesenswertes, ja vor allem auch unterhaltsames Buch heraus, das Leser nicht als ohnehin gut vorgebildete Insider, sondern ganz nach dem Credo der Aufklärung als lernwillige Subjekte begreift. Als neulich hier mal zur Sprache kam, dass es mehr Mut zu »linkem Entertainment« geben müsse, da waren genau solche Publikationen damit gemeint. Luyendijk wendet die Sprache der Normalbürger an, er steht nicht über seinen Lesern, sondern erschließt mit ihnen zusammen das Feld. Und das ist der Grund, weshalb sich ein Hinweis zu diesem Buch lohnt. …

https://makroskop.eu/2018/07/nicht-die-gier-das-system-ist-das-problem/

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