Wider den Gehorsam

Arno Gruens letztes Buch ist aktueller denn je

– zinkhund

Der Psychotherapeut Arno Gruen kritisiert in seinem Buch „Wider den Gehorsam“ die vorherrschende Ideologie der Macht und des Herrschens. Den Prozess der Unterwerfung unter den Willen eines anderen, der in frühester Kindheit beginnt, „lange bevor Sprache und Denken sich ordnen“, nennt er ein Grundproblem unserer Zivilisation.

Der Säugling wird dazu gebracht, nicht den eigenen Bedürfnissen nachzugehen, sondern sich dem Willen der Eltern zu fügen. Der Wille des Kindes wird gebrochen und die Herrschaft der Eltern ausgeweitet, um sogenannten „wilden Trieben“ Einhalt zu gebieten. Man befürchtet, das Kind „habe nichts anderes im Sinn, als rücksichtslos seine Lüste zu befriedigen“. Es geht um Unsauberkeit, Unreinheit, Gier, Unstetigkeit und Zerstörungswut, Eigenschaften die nicht nur Kindern zugeschrieben werden, sondern auch den verhassten Fremden.

Allein ist ein Kind nicht lebensfähig, daher ist seine Angst vor Liebesverlust und Verlassenheit groß. Gruen spricht von „Todesangst, die das Kind heimsucht“. Damit die Eltern sich nicht von ihm abwenden, versucht es, ihren Erwartungen zu entsprechen. Es kann das eigene Selbst nicht wirklich entfalten und keine wahre Verantwortung für sich selbst entwickeln. Durch die Unterwerfung versucht das Kind an der Macht, die es unterdrückt, teilzuhaben. Gehorsam sein, bedeutet gut sein. Frei sein hingegen wäre Ungehorsam, und wer ungehorsam ist, riskiert den Schutz der Mächtigen zu verlieren. Das terrorisierte Kind, dessen autonome Wahrnehmungen „geradezu ausgelöscht“ werden, identifiziert sich mit dem, der es knechtet. Es sucht die Erlösung von den zugefügten Schmerzen paradoxerweise bei deren Verursachern. Heranwachsende oder junge Erwachsene müssen die Angst abspalten und Teile ihrer Psyche absondern. Die Umstände der frühkindlichen Entwicklung müssen unterdrückt werden, weil sonst Angst und Terror ausgelöst würden.

Die Schuld kann man nicht bewusst aushalten, sie untergräbt den Selbstwert und aus dem Minderwertigkeitsgefühl entstehen Wut, Aggressivität und Gewalttätigkeit.

Dieser Knechtschaft und dem kritiklosen Gehorsam können wir durch rationales Denken nicht beikommen, schreibt Gruen, weil wir die Macht der Eltern über uns nicht erkennen. Sie gelten als allwissend, wohlwollend und wünschen angeblich nur unser Bestes. Der reflexartige Gehorsam führt später zu Gruppendenken, der Unfähigkeit selbst zu denken und zu bestimmen, was dazu führt, dass in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche oder Krisen besonders häufig totalitäre Führer Macht erlangen.

Die Masse der Menschen will sich mit ihren Unterdrückern identifizieren, statt sich mit denen zu solidarisieren, die sich gegen die Mächtigen auflehnen. …

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