Lawrence Wilkerson erklärt USA-Außenpolitik

Manchmal wünscht man sich doch sehr, man könnte bei Gesprächen der obersten Machtzirkel dabei sein. Könnte man nur Maus sein und lauschen, wie das wirklich so abgelaufen ist bei denen dort ganz oben.

– Florian Linse

Glücklicherweise will es das Schicksal hin und wieder, dass einer, der in diesen Machtzirkeln dabei war, ja sogar mitgewirkt hat, sich bereit erklärt, uns darüber zu berichten.

Um einen solchen Insider, der es bis ins Zentrum des US-amerikanischen Machtapparats geschafft hat, handelt es sich bei Lawrence Wilkerson. Er begann seine Laufbahn, wie so viele andere, bei der US-Armee. Er diente als Hubschrauberpilot in Vietnam und im weiteren Verlauf insbesondere in Lehreinrichtungen der Armee, die ganz unverblümt auch den Titel „War College“ (Kriegshochschule, da hat wohl das Amt für Neusprech und Euphemismen nicht aufgepasst) im Namen trugen. 1989 wurde er Assistent Colin Powells, als dieser gerade nationaler Sicherheitsberater während der Reagan-Regierung war. Seine berufliche Laufbahn blieb weiterhin mit Colin Powell eng verknüpft, der unter G.H.Bush Chairman of the Joint Chiefs of Staff war (bis Sep. 1993). Unter George W. Bush wurde Powell Außenminister und Wilkerson sein Stabsleiter. Er war verantwortlich für die Präparation des denkwürdigen Vortrags, den Colin Powell im Februar 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat hielt, der den Ratsmitgliedern die Sinnhaftigkeit eines präemptiven Militärschlags gegen den Irak verkaufen sollte. Dieser, auf falschen Tatsachen beruhende Vortrag, gestand sich Wilkerson als Fehler[1] ein. Zusammen mit den Erkenntnissen schwerer Folterung durch US-Militärpersonal an irakischen Gefangenen und der völligen Unfähigkeit der US-Planer, im Iraq eine vertretbare Nachkriegsordnung herzustellen, fasste er den Entschluss, den Dienst zu quittieren und mit seiner Meinung an die Öffentlichkeit zu gehen[2].

Wilkerson hielt vor einigen Jahren einen Vortrag unter dem Titel „The Travails of Empire“ (also die Mühen, die Wehen oder auch die Niederkunft einer Weltmacht). Er erzählt dort an einigen Stellen recht autobiographisch, teils anekdotenhaft von Geschehnissen in den Zentren der Macht. So z.B. in der Fragen- und Antworten-Phase dieses Vortrags, als er gefragt wird, wann die USA aufhören werden, aus Nationen, die ihnen nicht feindlich gesinnt sind, die Feinde der Zukunft zu erschaffen?

Wilkerson: Gute Frage. Sie werden meine Antwort wahrscheinlich eigenartig finden, aber es gab mal einen Herrn im Weißen Haus, der wollte die UN dermaßen mit Vollmachten ausstatten, dass er bereit gewesen wäre, alle Atomwaffen zu übergeben. Außerdem wollte er eine Vereinbarung mit der Sowjetunion über die Öffnung der Lufträume, sodass die (Anm.: UdSSR) über uns (Anm.: USA) und wir über die fliegen könnten, wann immer wir wollten. Sein Name war Dwight Eisenhower und er war wahrscheinlich der letzte Präsident, der erfahren genug war, um für den Job (Anm.: Als Präsident) befähigt zu sein.

So radikale Vorschläge gab es schon mal? Und die von einem amerikanischen Präsidenten. Heute würde man nicht mal mehr auf so einen Gedanken kommen, geschweige denn im Bekanntenkreis aussprechen. Man müsste befürchten, für irr erklärt zu werden. Heute soll ein US-Präsident mit seinem russischen Kollegen nicht einmal mehr reden. Aus der historischen Mainstream-Sicht scheinen solche Vorschläge verbannt. Man hat es sich bequem gemacht im Paradigma des West-Ost-Konflikts. Dabei wäre es dringend notwendig, neue, ungewöhnlichere Lösungswege zumindest mit in die Diskussion zu werfen.

Nach einer Ausführung, dass auch Eisenhower nicht nur eine Friedenstaube war, fährt Wilkerson fort: …Aber heutzutage haben wir eben keine Leute mehr mit dieser Art Mut und Unerschrockenheit. Ich selbst arbeitete in einer Regierung, die sich sagte: “Zum Teufel mit dem Rest der Welt“. (Anm.: Das war die Zeit, als Wilkerson während der Regierung G. W. Bush bei Colin Powell Stabschef des Außenministeriums war.)

Die einzige Ausnahme war mein Chef (Anm.: Colin Powell). Und ich sah, was geschah, wenn wir das sagten – zu den Deutschen, den Japanern, den Franzosen, zu den Franzosen, wissen Sie, oh mein Gott (Anm.: Er sagt das so, als wolle er ausdrücken, dass die Franzosen besonders heftig reagierten, Lachen im Publikum.) Und ich erinnere mich, was der Präsident mit den Füßen auf dem Schreibtisch im Oval Office über den deutschen Kanzler Schröder sagte (Anm.: Er soll ihn „Asshole“ genannt haben). Und ich erinnere mich, was mein Chef sagte, als wir in unser Büro im Außenministerium zurückkamen: „Eine der wichtigsten Beziehung im transatlantischen Bündnis und wir haben sie einfach mal ruiniert“.

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