Jean Ziegler: Der schmale Grat der Hoffnung

Das 2017 erschienene Buch des engagierten Genfer Soziologen ist persönlich, wie immer engagiert und kämpferisch und trotz bedrückender Zahlen und Fakten vorsichtig optimistisch.

– Peter Küpfer

In Zieglers neuester Publikation zieht der kämpferische Schweizer Politologe und lebenslange Aktivist für Menschenrechte und Menschenwürde Bilanz. Der Untertitel seines Buches heisst denn auch: «Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden.» Ziegler verarbeitet vorwiegend eigene Erfahrungen, neben vielen erschütternden Zahlen und Fakten. Im Zentrum stehen dabei seine Reisen, Interviews und Einsichten, die er als Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung (von 2000 bis 2008) sammelte, dann als Mitglied und amtierender Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrates der Uno (seit 2008). Seine Begegnungen und Erfahrungen in diesen beiden Wirkungsfeldern unterzieht der couragierte Gegner des modernen globalen Kapitalismus einer kritischen, mitunter auch selbstkritischen Reflektion und Bilanzierung, dabei immer auch die sozialgeschichtlichen und politischen Entwicklungen benennend, die zu den schreienden Ungerechtigkeiten geführt haben, die unser Wirtschaftsleben weltweit charakterisieren – in der klaren, oft gewollt emotionalen Sprache des Autors: eine Schande. In seinen Widmungen, im Vor- und Nachwort reiht sich der Autor ein in die lange Reihe engagierter Intellektueller und ­politischer Aktivisten. Viele bezahlten ihren lebenslangen Kampf für Menschenrechte und Menschenwürde mit ihrem Leben. Zu ihnen gehört auch der Argentinier Sergio Vieira de Mello. Er war mit dem Autor befreundet und ehemaliger Hochkommissar für Menschenrechte der Vereinten Nationen. 2003 ist er in Ausübung seines Mandats in Bagdad zusammen mit 21 Mitarbeitern einem Sprengstoffanschlag aus dem dschihadistischen Lager zum Opfer gefallen. Vieira de Mello hatte in der seiner feigen Ermordung vorausgehenden Zeit versucht, im Moment des Tiefstpunktes der politischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem von ihnen besetzten Irak das Los der Zivilbevölkerung zu verbessern. Dass er in diesen Willen zur Hilfe alle Betroffenen einschloss, wie damals Henry Dunant vor Solferino, war wohl sein Todesurteil.

Erschütternde Zahlen

Ziegler geht davon aus, der dritte Weltkrieg habe schon längst begonnen und eine Vielzahl von Opfern gefordert, ein Mehrfaches davon, was die Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkriegs zusammengenommen an Menschenleben gekostet haben. Heute verliefen die Fronten nicht mehr nur zwischen Ländern und politischen Allianzen, argumentiert Ziegler. Die Kriege, die heute geführt würden, seien in ihrem Wesen Wirtschaftskriege, Kriege der Reichen gegen die Armen. Auf der einen Seite stünden bis ins Letzte perfektionierte und von keinerlei ethischen Normen mehr gebremste Oligarchen, welche unter den Gegebenheiten der Globalisierung der Märkte weltweit ihre Profite maximierten, ohne Rücksicht auf die Opfer, welche ihre Raubzüge kosteten. Wie zu Zeiten der Fugger das deutsche Kaiserreich, so seien auch heute ganze Staaten und Imperien von Oligarchen, hauptsächlich durch Verschuldung, abhängig geworden. Auf der anderen Seite seien es die ihnen schutzlos ausgelieferten Völker, insbesondere der armen Länder auf der ganzen Welt. Der moderne Raubtierkapitalismus fordere weltweit viele Opfer. Alle sieben Sekunden sterbe weltweit ein Kind an den Folgen dieses globalisierten Wirtschaftskrieges einer skrupellosen Elite gegen den Rest der Menschheit: an Unterernährung, Wassermangel und Mangel an ärztlicher Hilfe. Weltweit verfügten heute eine Handvoll Allerreichster, die man bequem in einem Bus unterbringen könne, über die Hälfte des Vermögens weltweit. Die übrigen achteinhalb Milliarden Menschen, welche die Weltbevölkerung ausmachen, müssten sich die andere Hälfte teilen, wobei für einen Grossteil nichts übrigbleibe als die tägliche Not, sich und die Familie einen Tag mehr durchzubringen. Weltweit besitzen «85 Ultrareiche ein Vermögen, das den Gesamtbesitz der 3,5 Milliarden ärmsten Bewohner des Planeten übertrifft», schreibt Ziegler (S. 301). …

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