Menschen ganz unten und solche, die dauerhaft in der Schattenwelt darüber leben müssen

Von polnischen Obdachlosen und dem Prekariat

– Stefan Sell

Auch wenn die Vorstellung den meisten Menschen nach diesem Sommer mit langer Rekord-Hitze schwer fallen wird – der Winter wird kommen. Und mit ihm erneut wie jedes Jahr die Berichte über Obdachlose und deren Not und Elend. Einen ersten Vorgeschmack auf die Diskussionen darüber musste man aus der deutschen Hauptstadt der Obdachlosigkeit, also Berlin (vgl. dazu auch „Berlin ist ein Moloch der Obdachlosigkeit“), vor kurzem bereits zur Kenntnis nehmen: »Schlafende Obdachlose in U-Bahnhöfen – das könnte schon bald Vergangenheit sein. Die Berliner Verkehrsbetriebe wollen ihre jahrelange Praxis, bestimmte Bahnhöfe im Winter nachts für Obdachlose zu öffnen, überdenken«, konnte man diesem Artikel entnehmen: BVG überlegt U-Bahnhöfe für Obdachlose zu schließen. Der BVG werde die Verantwortung für diese Menschen übertragen, dafür seien die Mitarbeiter aber nicht ausgebildet und der Aufenthalt in den U-Bahnhöfen sei für die Obdachlosen vielleicht warm, aber gefährlich.

Auf der anderen Seite tauchen hin und wieder auch solche Meldungen auf: Projekt „Housing first“ will Obdachlose von der Straße holen: »In einem Projekt sollen 40 Wohnungen dauerhaft für Obdachlose bereitgestellt werden. 1,1 Millionen Euro hat der Senat dafür eingeplant.« Das wäre ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Anfang, angesichts solcher Zahlen: In Berlin steigt die Zahl der Menschen ohne feste Bleibe. Die Zahl der Wohnungslosen wird auf über 30.000 geschätzt. 2015 waren es noch 17.000. Komplett auf der Straße leben Schätzungen zufolge zwischen 4.000 und 6.000 Obdachlose. Die Idee „Housing first“ stammt aus den USA der aus 90er Jahren und wurde mittlerweile in Kanada sowie in europäischen Städten wie Dublin, Helsinki und Wien erfolgreich umgesetzt.

Die Obdachlosen »unterschreiben einen unbefristeten Mietvertrag. Fortan kümmern sich Sozialarbeiter um die neuen Mieter, ebenso Hauswirtschafter und Betreuer, die früher selbst obdachlos waren, sich also noch gut daran erinnern, wie schwierig es sein kann, sich nach einigen Jahren auf der Straße wieder an eine Wohnung zu gewöhnen, mit einkaufen, kochen und die Wohnung sauber halten.« Hört sich vernünftig an, aber das „Aber“ darf leider nicht fehlen: »Die 40 avisierten Wohnungen müssen allerdings erst einmal gefunden werden. Bis Oktober sollen Mitarbeiter Angebote von Wohnungsbaugesellschaften und privaten Vermietern einholen. Denn die Sozialverwaltung hat es bisher nicht geschafft, die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften der Stadt davon zu überzeugen, sich an dem Projekt zu beteiligen.« Zu dem Ansatz des Housing first kann man sich auch diesen Beitrag von Timo Reuter anschauen: Erst mal eine Wohnung: »Hilfe für Obdachlose beginnt mit einer Wohnung: Was banal klingt, ist in Deutschland kaum verbreitet. Ein Blick nach Portugal zeigt, wie gut das Konzept Housing First funktionieren kann.« …

http://aktuelle-sozialpolitik.de/2018/09/24/von-polnischen-obdachlosen-und-dem-prekariat/

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