«Wir sollten die Gilets jaunes umarmen»

Seit Mitte November halten die «Gelbwesten» Frankreich in Atem, am Wochenende kam es in Paris erneut zu schweren Ausschreitungen. Der französische Philosoph und Soziologe Geoffroy de Lagasnerie warnt davor, der Bewegung von oben herab zu begegnen.

– Interview: Yves Wegelin

«Ich glaube, dass die Gewalt, die sich gezeigt hat, keine Entgleisung ist, sondern sehr bewusst eingesetzt wird», sagt Geoffroy de Lagasnerie über die Gilets jaunes. Foto: Stephane Mahe, Reuters

WOZ: Monsieur de Lagasnerie, haben Sie Sympathie für die Bewegung der «Gilets jaunes»?
Geoffroy de Lagasnerie: Ich habe nicht nur Sympathie für die Bewegung, ich unterstütze sie voll und ganz. Wir erleben einen entscheidenden Moment des sozialen Protests, eine Revolte der populären Gesellschaftsklassen. Unter Intellektuellen führt oft ein Klassendünkel dazu, dass sie zu solchen Bewegungen auf Distanz gehen. Die Bewegung zu unterstützen, bedeutet nicht, alles an ihr gutzuheissen. Doch man sollte sie nicht vorschnell ablehnen, nur weil man sich in ihren Ausdrucksformen nicht gleich wiederfindet oder weil ihrer politischen Ausrichtung die ideologische Reinheit fehlt.

Was sind das genau für Leute, die auf die Strasse gehen?
Es sind Bewohner vom Land, aus den Agglomerationen und den Arbeiterquartieren, die sich zuerst in ihrer eigenen Umgebung versammelt haben – auf Strassenkreiseln oder an Tankstellen. Sozioökonomisch gesehen sind es vor allem Leute mit prekären Anstellungen, die den Mindestlohn verdienen oder vom Arbeitslosengeld leben. Der Journalist und Politiker François Ruffin hat im Norden Frankreichs Leute interviewt, die erzählen, wie sie die Woche hindurch ausschliesslich von Milch und Brot leben. Es sind Leute, die wegen Macrons geplanter Benzinsteuer nicht mehr zur Arbeit gehen könnten, weil sie es sich dann nicht mehr leisten können, den Tank ihres Autos zu füllen.

Die Proteste richten sich ja in erster Linie gegen diese Benzinsteuer, die Macron nun allerdings auf den äusseren Druck hin vorerst doch nicht einführen will.
Ja, Benzin bedeutet für viele die Fähigkeit, sich fortbewegen zu können – um zur Arbeit zu gelangen oder zum Arzt. Das Benzin ist ein Symbol für die Möglichkeit, mobil zu sein und nicht eingeschlossen zu bleiben. Doch die Steuer war lediglich der Auslöser: Die Ursache für die Proteste ist nicht nur ein Gefühl der steuerlichen Ungerechtigkeit, sondern die Armut. Es ist eine Armenbewegung. Die Gilets jaunes sind Leute, die nicht in Gewerkschaften oder Parteien sind, Leute, die keinen Zugang zur Politik, zu Medien oder zum Arbeitsmarkt haben. Es sind die Abwesenden der Politik der letzten zwanzig Jahre – diejenigen, die man als rassistisch und zurückgeblieben bezeichnet. Nun drängen sie auf ihre eigene Weise in den Vordergrund. Inzwischen geht es nicht nur um Steuern, sondern um Ausbeutung und die Verteilung des Reichtums.

Sie glauben, dass Armut die einzige Ursache für die Proteste ist?
Fast. Es ist eine Bewegung, die den Grundbedürfnissen entspringt: Jemand, der in Frankreich vom Mindestlohn lebt, hat monatlich rund 32 Euro für Freizeitaktivitäten zur Verfügung. Macrons Erhöhung des Benzinpreises frisst diesen Leuten rund 16 Euro weg, also die Hälfte dieses Freizeitbudgets. Die Pariser Bourgeoisie kann sich schlecht vorstellen, was das bedeutet. Es ist also eine sehr materialistische Bewegung. Hinzu kommt die Erstickung der Demokratie durch die Regierung. In den letzten zwei Jahren haben die Eisenbahner protestiert, die Studenten, die Krankenpfleger und viele andere. Doch der rigide Macronismus hat keinem der Proteste nachgegeben. Das hat jetzt diesen Wutausbruch provoziert. …

https://www.woz.ch/1849/proteste-in-frankreich/wir-sollten-die-gilets-jaunes-umarmen

#GiletJaunes

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