Politik schafft Armenhaus

Soziale Schieflage in Deutschland auf Rekordniveau. Paritätischer Wohlfahrtsverband wirft Bundesregierung Ignoranz vor

– Susan Bonath

Die Armut in Deutschland hat einen neuen Rekordwert erreicht. Das konstatiert der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem neuen Armutsbericht 2018. Danach lebt mehr als jeder sechste Einwohner unterhalb der Armutsgrenze. Sie liegt bei 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median). Die Obdachlosigkeit überschreite rasant die Eine-Million-Marke. Fast drei Viertel der Betroffenen seien berufstätig und ausgebildet, keineswegs vor allem »ungebildet«, wie es das von der Politik ständig wiederholte Klischee Glauben machen wolle, erklärte Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider am Donnerstag bei der Präsentation in Berlin. Vielmehr sei Armut in großem Maße abhängig von der nationalen, ethnischen oder sozialen Herkunft der Menschen. Kinder, Alter und Krankheit erhöhten das Risiko dabei immens, nach ganz unten abzurutschen. »Es geht um echte Entbehrungen von Dingen, die zum Alltag in Deutschland gehören, um seelische Belastungen, viele Sorgen und Hoffnungslosigkeit«, mahnte Schneider. Angesichts der guten wirtschaftlichen Lage in der Bundesrepublik könne dies »getrost ein politischer Skandal genannt werden«.

Seit Ende der 1990er Jahre sei die Armutsquote in Deutschland von elf auf 16,8 Prozent gestiegen. Damit betreffe Armut aktuell mindestens 13,7 Millionen Menschen. Doch Schneider betonte: »Dabei sind in den ausgewerteten Statistiken lediglich Menschen erfasst, die über einen eigenen Haushalt verfügen.« Die Daten stammten vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Völlig außen vor gelassen würden darin die bis zu eine Million Wohnungslosen sowie rund 800.000 Bewohner in Pflegeheimen, von denen etwa die Hälfte auf Sozialhilfe angewiesen sei. Hinzu kämen rund 200.000 behinderte Menschen in Heimen ohne eigenes Einkommen. Man müsse deshalb von einer hohen Dunkelziffer weit über die erfassten knapp 14 Millionen in Armut Lebenden hinaus ausgehen, resümierte der Verbandsgeschäftsführer. »Die neuesten Ergebnisse lassen es nicht mehr zu, von einer Stabilisierung der Armutsentwicklung zu sprechen, wie es noch der letzte Bericht der Bundesregierung tat«, so Schneider. Tatsächlich gebe es einen Aufwärtstrend, und der sei »politisch hausgemacht«. In den oberen Etagen wisse man seit langem um die Armutsrisiken.

Am stärksten betroffen sind nach wie vor die Erwerbslosen und Hartz-IV-Aufstocker. Fast zwei Drittel von ihnen fallen laut Bericht unter die Armutsgrenze. Die zweitgrößte Gruppe der Armen bilden die Alleinerziehenden. Mehr als 40 Prozent von ihnen leben am Existenzminimum oder darunter. Mit zwei oder mehr Kindern sieht ihre Situation noch drastischer aus. Hier ist mehr als die Hälfte (56,2 Prozent) betroffen. …

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