“Listen to the sound of science”

Von Verleugnungen und dem Fehlen von intellektueller Redlichkeit in der Klimadiskussion

  • Lars Jäger

Sie finden weltweit statt, zumeist freitags, zuletzt auch in der Schweiz am Wochenende: Klimastreiks bzw. Klimademonstrationen. Mit ihnen ist die Debatte, wie wir dem Klimawandel begegnen, endlich im öffentlichen Diskurs angekommen. Es sagt einiges über den Zustand unserer Gesellschaft aus, dass es die Initiative ihrer jüngsten Mitglieder, der Schülerinnen und Schüler, brauchte, um die Gefahr der globalen Erwärmung in den Vordergrund der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zu bringen und dieser längst überfälligen Diskussion endlich die notwendige Breite zu geben.

Die altbekannten Reaktionsmuster von Seiten liberal-konservativer Politiker, wirtschaftlicher Lobbyorganisationen und Rechtsintellektueller von Ableugnen, Schimpftiraden gegen Wissenschaftler, Beharren auf der Alternativlosigkeit unseres wirtschaftlichen Schaffens, bis hin zur schamlosen Lüge ziehen nicht mehr. Und darin liegt die gute Nachricht dieser zunächst doch eher zaghaften Form des zivilen Ungehorsams der Jugend. So wie ihre Eltern in den 1980er Jahren den Aussagen der Politiker von der Unumgänglichkeit einer weiteren militärischen Aufrüstung gegen das damals bereits nahezu bankrotte sowjetische Ost-Europa immer weniger Glauben schenkten, oder wie ihre Großeltern die Lebenslügen ihrer eignen Eltern aus den 1930er Jahren schonungslos offenlegten, so erkennen die jungen Menschen heute die Hilflosigkeit unserer Gesellschaft gegenüber der falschen Logik unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, das im unkontrollierten Ausstoss von Treibhausgasen immer noch einen zu externalisierenden Kostenfaktor sieht, der in keinerlei wirtschaftlicher Kosten-Nutzenrechnung aufzutauchen hat.

Externalisierung von Kosten bedeutet, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten einer Person oder einer Personengruppe sich auf andere (unter Umständen sogar auf alle anderen) Menschen auswirken, ohne dass die handelnde Person die vollen Kosten dafür trägt. Der klimaschädliche Ausstoß von CO2 ist nach wie vor nicht mit größeren Kosten für die Produzenten verbunden (so wie auch das Sicherheitsrisiko von Kernkraft oder Erdgas-Fracking weitestgehend von der Allgemeinheit getragen wird). So lauten die Forderungen der Demonstrierenden nicht wie noch bei ihren Großeltern in den 1960er Jahren “Schafft den Kapitalismus ab, er ist an allem schuld!”, sondern “Führt eine CO2-Steuer ein! Fliegen muss teurer werden”.

Die bisherigen Abwehrmechanismen von wirtschaftsliberalen und konservativen Politikern gegenüber solchen Forderungen war: “Wir wollen keine Beschränkungen unserer individuellen Freiheit”. Adam Smiths 243 Jahre alte Metapher von der “unsichtbaren Hand” dient bis heute als Legitimationsprinzip für die Auffassung, dass ein Markt nur dann die Gesellschaft als Ganzes zu maximalem Wohlstand führt, wenn der Güter- und Dienstleistungsaustausch und andere ökonomische Aktivitäten sich völlig unbeschränkt entfalten können. Staatliche Einmischung wie soziale Wohlfahrtsbestrebungen oder auch ökologische Forderungen würden da nur stören. …

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