„Die Kluft zwischen demokratischer Rhetorik und kapitalistischer Realität ist gigantisch“

Angst, Macht, Demokratie und Herrschaft: Das sind vier zentrale Begriffe, mit denen sich Rainer Mausfeld als kritischer Beobachter unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Um diese Begriffe geht es auch in dem folgenden Interview, das die NachDenkSeiten mit dem emeritierten Professor der Psychologie geführt haben.

  • Marcus Klöckner

Mausfeld verdeutlicht, wie sehr Angst als Mittel der Machtausübung in unserem politischen System eine Rolle spielt und wie eine hochgradig destruktive Ideologie – die des „unternehmerischen Selbst“ – unser gesamtes gesellschaftliches Denken bestimmt.

Lesetipp: Rainer Mausfeld: Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien. Westend Verlag. Frankfurt am Main. Juli 2019. 128 Seiten. 14 Euro.

Herr Mausfeld, Sie verknüpfen in Ihrer Arbeit die Begriffe „Angst“ und „Macht“ und schlagen dann den Bogen zur politischen Herrschaft. Wie passt diese Verknüpfung zu einem demokratischen System?

Eigentlich gar nicht. Demokratie geht nämlich nicht nur mit einem Versprechen einer gesellschaftlichen Selbstbestimmung einher, sondern auch mit einem Versprechen einer größtmöglichen Freiheit von gesellschaftlicher Angst. Demokratie bedeutet also den Verzicht auf eine der wirksamsten Herrschaftstechniken überhaupt: der systematischen Erzeugung gesellschaftlicher Angst. Wenn die Machtausübenden hingegen systematisch Ängste erzeugen, blockieren sie eine angemessene gesellschaftliche Urteilsbildung und lähmen die Entschluss- und Handlungsbereitschaft. Durch eine systematische Erzeugung von Ängsten wird der Demokratie die Grundlage entzogen. Demokratie und Herrschaftstechniken der Angsterzeugung sind miteinander unverträglich.

Bevor wir näher darauf eingehen: Was ist Angst aus psychologischer Sicht?

Angst gehört im Spektrum unserer Emotionen zu den ganz grundlegenden Gefühlszuständen. Sie ist eine Bedrohung oder Erschütterung des gesamten Selbst, das heißt, sie umfasst das psychische Erleben ebenso wie den Leib. Da Angst als hochgradig unangenehm erlebt wird, löst sie körperliche und psychische Aktivität zu ihrer Bewältigung aus. Wenn nun aber die äußere angstauslösende Situation so beschaffen ist, dass eine Angstlinderung nicht mehr gelingen kann, bleibt die Angst in der Person gefangen – sie wird zu etwas, das in der Psychologie als neurotische Angst oder Binnenangst bezeichnet wird. Sie kreist gleichsam in der Person, zehrt deren psychische Energien auf, führt zu unangemessenen, neurotischen Bewältigungsversuchen, lähmt die Person, macht sie apathisch und depressiv.

Der renommierte Politologe Franz Neumann, einer der Begründer der Politologie, sah eine zentrale Herrschaftstechnik darin, dass die Machtausübenden versuchen, Realangst in Binnenangst umzuwandeln, um so gesellschaftlichen Widerstand zu paralysieren.

Und Macht?

Das Streben nach Macht gehört zu den grundlegenden Begierden des Menschen. In einer sozialen Gemeinschaft ist Macht mit vielen Vorteilen verbunden, denn sie bedeutet, dass jemand seine Interessen gegen andere durchsetzen kann und andere dem eigenen Willen unterwerfen kann. Leider gehört zu den zentralen Eigenschaften der Beschaffenheit unseres Geistes, dass das menschliche Streben nach Macht nicht – wie bei allen anderen Lebewesen – selbstlimitierend ist, sondern grenzenlos. Das bringt gewaltige Probleme mit sich, die sich nur durch geeignete zivilisatorische Schutzbalken bewältigen lassen. Um diese Schutzbalken geht es gerade in der Leitidee von Demokratie.

Für Wissenschaften, die sich mit dem politisch-gesellschaftlichen Bereich beschäftigen, ist das Konzept der Macht ein Fundamentalbegriff – in gleicher Weise wie das Konzept der Energie für die Physik. Macht ist also das zentrale Konzept der Politikwissenschaften. Und die zivilisatorische Aufgabe, die wir zu leisten haben, liegt gerade darin, Schutzbalken gegen die unersättliche Gier nach Macht und gegen Exzesse der Macht zu errichten. …

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#Mausfeld

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