Ernte Undank

Urban Gardening – Aus einer guten, grünen Sache wird der unfreiwillige Helfer der Gentrifizierung

  • Kathrin Hartmann

Es ist ein „Zukunftsort“, besungen im Genre der Immobilienmaklerprosa: „Wohnen, Arbeiten und Leben – das war schon immer das Erfolgsrezept des Bezirks. Heute trifft sich hier die internationale Business-Avantgarde. Zwischen Handwerk und Manufakturen, Kreativindustrie und digitalen Pionieren, Sterne-Restaurants und Coffee-Shops, zwischen Urbanität und grüner Idylle pulsiert eine hochattraktive Mischung aus Arbeiten, Wohnen und Leben.“

So wirbt die Kölner Immobilienfirma Pandion für den „Zukunftsort“ The Shelf, ein fünfstöckiges Gebäude für Büros, Gewerbe und Gastronomie, das auf dem Gelände der Autovermietung Robben & Wientjes an der Prinzenstraße in Berlin-Kreuzberg entsteht. Mehr als 150 Millionen Euro kostet der „Hub für Zukunftsunternehmen“, der 2021 fertig sein soll.

Dann allerdings könnte die „grüne Idylle“, die hier als Verkaufsargument bemüht wird, bereits verschwunden sein.

Denn der Prinzessinnengarten, dessen unmittelbare Nachbarschaft Pandion auf der Homepage besonders hervorhebt, muss womöglich weichen. Der Mietvertrag des bekanntesten deutschen Urban-Gardening-Projekts läuft 2020 aus. Ein Teil des Gartens wird noch dieses Jahr umziehen – auf den Jacobi-Friedhof an der Hermannstraße in Berlin-Neukölln.

Mehr als 100 solcher Gemeinschaftsgärten gibt es in Berlin – etliche davon sind, wie der Prinzessinnengarten, akut von Vertreibung bedroht. Sie wurden unfreiwillig Teil der spekulativen Aufwertung der Stadtflächen, der sie jetzt zum Opfer fallen. So hat etwa das Projekt „Prachttomate“ in Neukölln die Hälfte seiner Gartenfläche an die Baugruppe Bo11 verloren, die dort ein Gebäude mit exklusiven Eigentumswohnungen errichten will.

„Die Planung integriert auch ein lokales Urban-Gardening-Projekt auf seinem Grundstück – wir freuen uns auf unsere Nachbarn“, warb Bo11 – jedenfalls so lange, bis die Gärtnerinnen und Gärtner heftig widersprachen und im Gegenzug eine Barrikade mit Holzkisten und einem Banner mit der Aufschrift „Baugruppen zu Fischstäbchen“ errichteten. Ein Konzept für soziale Mietwohnungen und eine Kita auf dem städtischen Grundstück, das die „Prachttomate“ stattdessen vorschlug, lehnten Bezirk und Senat ab. …

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ernte-undank

This entry was posted in Berlin, Bürgerbewegung, Geldsystem, Politik, Selbstorganisation, Stadtplanung and tagged , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply