Das Ende des DDR-Pressefrühlings: Wie dem Osten die Stimmen genommen wurden

Den Bürgern im Osten Deutschlands wird immer wieder vorgeworfen, dass sie die Demokratie nicht richtig verstehen und diese erstmal lernen müssten.

  • Marcus Klöckner

Mandy Tröger, Kommunikationswissenschaftlerin und Ost-Berlinerin, sieht das anders. Im NachDenkSeiten-Interview spricht Tröger vielmehr von einer „demokratischen Desillusionierung“, die in den 1990er Jahren im Osten stattfand und die Gründe hat, die mit allzu gefälligen Erklärungen wenig zu tun haben. Eine „marktgetriebene Übernahme“ des Ostens habe stattgefunden – mit weitreichenden Auswirkungen bis heute. Tröger, die sich in ihrer Doktorarbeit mit dem „Pressefrühling“ in der DDR auseinandersetzt, zeigt im Interview, was sich in der Wende- und Nachwendezeit im Hinblick auf die Medienlandschaft abgespielt hat. Profitinteressen haben Entwicklungen hin zu einer wirklich freien, vielfältigen Presse schnell zunichte gemacht.

Frau Tröger, Sie haben sich gerade in Ihrer Doktorarbeit mit dem sogenannten „Pressefrühling“ in der DDR auseinandergesetzt. Was ist mit Pressefrühling gemeint?

Pressefrühling bezieht sich zeitlich auf die kurze Phase vom Januar 1990 bis ungefähr Juni/Juli 1990. Mit dem Zusammenbruch ehemaliger DDR-Pressemonopole wurden in kürzester Zeit ungefähr 100 neue Zeitungen neu gegründet und alte Zeitungen waren im Prozess der inneren Reform. Man muss sich das vorstellen, in einem Land von gerade mal 17 Millionen Menschen sprossen Zeitungen wie Pilze aus dem Boden. Es war auch die Zeit der inneren Reform. In den Redaktionen, den Zeitungen und Leserbriefen wurde viel darüber diskutiert, was eine freie Presse ist. Zeitungen standen für Teilhabe, Vielfalt und Meinungsfreiheit. Dieses Zeitfenster war mit viel Optimismus und Innovation verbunden. Medial war es wahrscheinlich der demokratische Höhepunkt der Wendezeit.

Worum genau geht es nun in Ihrer Doktorarbeit?

Es geht um die politischen und wirtschaftlichen Interessen der BRD, die bei der Transformation der DDR-Presse 1989/1990 ganz aktiv mitwirkten. Ich frage, wessen Interessen sich hier durchgesetzt haben und wessen nicht und warum. Das Ergebnis ist klar. Die Interessen der DDR-Presse, ob alt oder neu, fielen komplett durchs Raster. Der Pressefrühling wurde zum Pressesterben.

Ihre Arbeit umfasst mehrere hundert Seiten, das Thema ist sehr verzweigt. Lassen Sie uns auf den Kern fokussieren: Ist es richtig, dass Sie sich darauf konzentrieren, die Lobbyarbeit, die damals geleistet wurde, zu analysieren?

Ja, im deutschen Buch ist das so. In meiner Doktorarbeit, die ich in den USA geschrieben habe, zeige ich drei Marktstrategien, durch die der DDR-Pressemarkt damals übernommen wurde. Das war, erstens, der Import westdeutscher Presse und der schnell einsetzende Preiskrieg, zweitens, der Kauf ostdeutscher Zeitungen durch westdeutsche Verlage und, drittens, die Lobbyarbeit im Pressevertrieb. Der Vertrieb wurde der Schlüssel zur Marktreform. Gruner+ Jahr beispielsweise lobbyierte hier schon im November 1989, Springer folgte im Dezember. Ziel beider war eine quasi Monopolstellung im DDR-Pressewesen. Das hieß, es ging nicht nur um den Vertrieb, sondern um Exklusivrechte im Zeitungswesen, Fernsehen bis hin zur Werbung. Als daraus nichts wurde, taten sich die beiden mit Burda und Bauer zusammen. Sie verhandelten als die „Großen Vier“ mit der DDR-Regierung über ein Vertriebs-Joint-Venture. Als auch daraus nichts wurde, teilten die Großverlage die DDR Anfang März 1990 in vier Vertriebsgebiete auf. Ab dann vertrieben sie systematisch vor allem ihre eigenen Produkte. Das hieß Marktvorsprung im Kampf um künftige Leser. Dieser verlagsabhängige Vertrieb wäre in der BRD undenkbar gewesen, alle Versuche der DDR, dagegen vorzugehen, blieben erfolglos. Nach der Einheit zerschlug das Kartellamt dann das Verlagskartell. Die Akten über diesen Prozess lesen sich wie ein Wirtschaftskrimi, deshalb konzentriere ich mich im deutschen Buch darauf. …

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