Erdogan spielt mit einer «ungesicherten Bombe»

Mit dem Vormarsch türkischer Truppen droht eine neue Welle von IS-Terroranschlägen – nicht nur in Syrien.

  • Amalia van Gent

Die türkischen Truppen und ihre syrischen Söldner sollen laut türkischen Angaben bis vor die Tore der Grenzstadt Tal Abyad vorgerückt sein. Sollte diese hauptsächlich von syrischen Arabern besiedelte Stadt direkt an der syrisch-türkischen Grenze fallen, hätte dies neben dem militärischen vor allem einen symbolischen Wert. Tal Abyad steht nämlich für die im Juni 2015 geschmiedete, enge Allianz zwischen den USA und den syrisch-kurdischen Kämpfern des YPG im Kampf gegen den IS.

Ein freies Tor für Waffen und Kämpfer des IS

Diese Allianz zu brechen gilt der Regierung Erdogan heute mehr denn je als höchste Priorität. Erdogans Propagandisten sind deshalb bestrebt, die kurdischen Kämpfer der YPG als Terroristen darzustellen, gleich wie die Dschihadisten des sogenannten «Islamischen Staats» (IS). Die YPG stünden in enger Verbindung mit der «Arbeiterpartei Kurdistans» (PKK), dem Feind Nummer Eins der Türkei, so das Narrativ Ankaras. Und weil die PKK von den USA und der EU als Terrororganisation anerkannt sei, wolle die Türkei in Syrien gegen die IS-Dschihadisten und die YPG gnadenlos vorgehen.

Die türkische Propaganda kollidiert allerdings mit einem wichtigen Faktum: Die Niederlage des IS in Syrien geht vor allem auf die kurdische YPG zurück, die effektiv gegen die Dschihadisten gekämpft hatte. Ankara hatte zumindest bis 2015, mal insgeheim und dann wieder offen, die islamistischen Extremisten logistisch unterstützt. So hatte die regierungskritische Tageszeitung Cumhuriyet im Herbst 2015 Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an die Dschihadisten in Syrien aufgedeckt. Aufgrund dieses Berichts wurde der Chefredaktor Can Dündar der Spionage und des Verrats beschuldigt. Er musste ins Ausland fliehen.

Auch der damalige US-Sonderbeauftragte Brett McGurk hegt keinen Zweifel daran, dass die Türkei zumindest zeitweilig die Dschihadisten unterstützte: «Zwischen Juni 2014 und Juni 2015 war Tal Abyad die Hauptversorgungsroute für den IS. Durch dieses Tor verkehrten Waffen, Sprengstoffe und Kämpfer frei aus der Türkei nach Rakka (in Syrien) und den Irak. Unsere wiederholten Bitten, die Grenze auf der türkischen Seite mit Hilfe der USA zu schliessen, wies die Türkei zurück. Im Juni 2015 haben die kurdischen Kämpfer der YPG mit unserer Hilfe Tel Abyad eingenommen und die Grenze erstmals auf syrischer Seite geschlossen.» *

Dass die YPG in enger Beziehungen zur PKK stand, dürfte im Jahr 2015 auch dem US-Pentagon klar gewesen sein. Dennoch setzten die USA ihre Zusammenarbeit mit der YPG fort. Dazu McGurk: «Trotz der Erfahrung von Tel Abyad versuchten wir in den nächsten sechs Monaten, die Türkei und ihre syrischen Alliierten im Kampf gegen den IS einzubinden. Obwohl sie von uns mehr Hilfe als die Kurden erhielten, kamen sie nicht voran. Manche lieferten ihre Waffen gar den Kaida-Dschihadisten im Nordwesten Syriens ab [ ]. Im November 2016 hatten sich die Warnungen vor Angriffen des IS bewahrheitet: Ein Team von kampferprobten Dschihadisten reiste von Manbidsch durch die Türkei nach Paris, wo sie beim Anschlag 131 Menschen töteten. Erst nach dem Anschlag im Flughafen von Brüssel, der ebenfalls von einem Team ausgeführt wurde, das aus Syrien über die Türkei nach Europa gelangt war, haben wir gegen alle Bedenken der Türkei die Allianz mit den kurdischen Kämpfern besiegelt. Die YPG konnte darauf in einem mehrmonatigen, blutigen Kampf die Stadt Manbidsch einnehmen. Seither gab es auch keine weiteren Terror-Angriffe in Europa.» * ….

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