Leben ist Kooperation

Die Beobachtung der Natur belegt, dass das Dogma der allein selig machenden Konkurrenz ideologischer Irrglaube ist. Exklusivabdruck aus „Der symbiotische Planet“.

  • Lynn Margulis

Der Vulgärdarwinismus hat unser Ökosystem in eine Wettbewerbsarena umgedeutet, in der jeder gegen jeden einen „Kampf ums Dasein“ ausficht. Nicht nur im Faschismus, auch im neoliberalen Kapitalismus griff man diese einseitige Art der Naturbetrachtung begierig auf — konnte man sich menschliche Arbeitskraft doch so besser nutzbar machen. Wer natürliche Prozesse — gerade auch in ihren Mikrostrukturen — genauer betrachtet, erkennt aber: Symbiosen machen das Geheimnis des Lebens aus: das Zusammenwirken mehrerer Einheiten zum gegenseitigen Nutzen. Dies gilt nicht nur für Kooperation innerhalb einer Art und zwischen verschiedenen Tierarten; das Schauspiel der Symbiogenese vollzieht sich schon auf der Molekular- und Zellebene. Lernen wir daraus für unser eigenes Überleben!

A Bee his burnished Carriage
Drove boldly to a Rose — Combinedly alighting —
Himself –
(Die leuchtend Last trug eine
Biene kühn zur Rose hin —
Wo sie gemeinsam dann mit ihr —
Sich niederließ –)

Symbiose — ein System aus Lebewesen verschiedener Arten, die in engem körperlichen Kontakt leben — erscheint uns als ein spezielles wissenschaftliches Konzept und als ein spezifischer biologischer Fachausdruck. Das liegt daran, dass wir uns ihrer großen Verbreitung nicht bewusst sind. Nicht nur unser Darm und unsere Augenwimpern sind dicht mit bakteriellen und tierischen Symbionten besetzt; auch wenn man sich im eigenen Garten oder im Stadtpark umsieht, sind sie allgegenwärtig, fallen aber nicht sofort ins Auge.

Klee und Wicken, zwei verbreitete Pflanzen, haben an ihren Wurzeln kleine Knöllchen. Dort befinden sich die stickstofffixierenden Bakterien, die für ein gesundes Wachstum in stickstoffarmen Böden unentbehrlich sind. Schauen wir uns die Bäume an — den Ahorn oder die Eiche beispielsweise. Bis zu dreihundert verschiedene symbiontische Pilze, darunter auch solche, die wir als große Pilze kennen, sind als sogenannte Mycorrhiza mit den Baumwurzeln eng verwoben. Oder nehmen wir den Hund, der die in seinem Darm lebenden symbiontischen Würmer in der Regel nicht bemerkt. Wir sind Symbionten auf einem symbiontischen Planeten, und wenn wir genau hinschauen, finden wir überall Symbiose. Für viele verschiedene Arten von Leben ist dieser körperliche Kontakt unentbehrliche Lebensbedingung.

Praktisch alles, womit ich mich heute befasse, wurde bereits von unbekannten Gelehrten oder Naturforschern vorweggenommen. Einer meiner wichtigsten wissenschaftlichen Vorgänger verstand und erklärte die Rolle der Symbiose in der Evolution eingehend. Der Anatom Ivan E. Wallin (1883 bis 1969) von der University of Colorado legte in einem ausgezeichneten Buch dar, dass neue Arten durch Symbiose entstehen.

Der evolutionstheoretische Begriff Symbiogenese bezeichnet den Ursprung neuer Gewebe, Organe, Organismen — ja sogar Arten — durch das Eingehen langfristiger oder ständiger Symbiosen. Wallin benutzte das Wort Symbiogenese nicht, aber die Idee war ihm vollkommen geläufig. Besonderes Augenmerk richtete er auf die Symbiose von Tieren mit Bakterien, einen Vorgang, den er als „Entstehung mikro-symbiontischer Komplexe“ oder „Symbiontizismus“ bezeichnete. Das ist sehr wichtig. Darwin gab seinem Hauptwerk zwar den Titel Über die Entstehung der Arten, aber mit dem Auftauchen neuer Arten befasst sich sein Buch in Wirklichkeit kaum (1). …

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