Auf der Suche nach dem mehrfachen Mehrwert

Auf der Suche nach dem mehrfachen Mehrwert
Foto: Brian A Jackson/Shutterstock.com

VorlesenPDF-Datei Freitag, 18. Oktober 2019, 10:00 Uhr
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Künftig sollten nur noch Projekte unterstützt werden, die nicht nur finanziell, sondern auch ökologisch und sozial gewinnbringend sind.

  • Hans Boës

„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne“ — und nähme doch Schaden an seiner Umwelt, am Zusammenleben in der Gemeinschaft und schließlich auch an seiner eigenen seelischen Integrität? So könnte man einen bekannten Bibelspruch abwandeln. Es ist dringend nötig, künftige Projekte nicht mehr nur auf ihren finanziellen Nutzen, sondern auch auf ihre Umwelt- und Sozialverträglichkeit zu prüfen. Andernfalls wird unsere derzeitige Wirtschaftsweise in den kollektiven Suizid führen. Der Autor zeigt uns am Beispiel verschiedener konkreter Projekte, wie wir von der Kalkulation eines einfachen Mehrwerts zu einem mehrfachen Mehrwert gelangen, der ökonomische, ökologische und auch soziale Aspekte eines Produkts oder Projekts mit einbezieht.

Im Zuge der letzten Jahre ist die Aufmerksamkeit für den Klimawandel deutlich angestiegen. Kaum ein Gespräch unter Freunden, das sich nicht irgendwann um das Klima dreht. Und auch in der öffentlichen Diskussion ist das Thema plötzlich ganz oben auf der Tagesordnung. Endlich!

Auch die Klimaforscher haben plötzlich entdeckt, dass es einen Domino-Effekt gibt, der das Klima sehr rasch ändern könnte.

Ich habe in meinem abschließenden Bericht an das Sekretariat für Zukunftsforschung schon 1996 eingehend vor den selbstverstärkenden Effekten im Klimasystem gewarnt und dies in mehreren Artikeln noch einmal verdeutlicht. Zuletzt 2005 in einer Artikelserie für Telepolis mit dem Titel „Kommt das Jahrhundert der Jahrhundertkatastrophen?“:

Gleichzeitig habe ich damals in meiner Panik, dass unser Klimasystem tatsächlich „kippen“ könnte, einen Ansatz entwickelt, wie wir aus der selbstzerstörerischen Dynamik des ökonomischen Mehrwerts aussteigen können: indem wir die Ökonomie erweitern, von einem einfachen — immer nur individuell berechneten Mehrwert — zu einem mehrfachen Mehrwert.

Damals hatten wir im Sekretariat für Zukunftsforschung zahlreiche gute Ideen, wie wir eine nachhaltige Gesellschaft entwickeln können, und waren aktiv daran beteiligt, als das nördliche Ruhrgebiet zum „Emscher Park“ umgebaut werden sollte. Mit unseren Ideen stießen wir aber immer wieder gegen „ökonomische Betonmauern“. „Wer soll das bezahlen?“, war eine beliebte Frage, oder „Ihre Ideen sind gut, aber wenn ich das mache, bin ich in drei Monaten meinen Posten los“, sagte mir einmal ein Vorstandsvorsitzender einer großen Firma.

Oikos — die Lehre vom guten Haushalten

Dann fiel mir jedoch auf, dass sowohl Ökonomie wie auch Ökologie denselben Wortstamm haben: Oikos.

Befasst man sich einmal eingehender mit dem Unterschied zwischen Ökonomie und Ökologie, kommt man zu einem erstaunlichen Ergebnis: Beide sind im Grunde Lehren vom guten Haushalten.

Sowohl Ökonomie als auch Ökologie leiten sich etymologisch vom griechischen Wort Oikos ab. „Oikos“ ist das Haus oder der Haushalt, „Nomos“ ist die Lehre oder das Gesetz, Ökonomie ist also die Lehre vom guten Haushalten. „Logos“ ist der Sinn oder der Lehrsatz. Ökologie ist also ebenfalls eine Lehre vom guten Haushalten. Wo liegt da eigentlich der Widerspruch?

Ökonomie ist die Lehre vom eigenen Haushalten — was ist meins und wie kann ich es mehren? Ein Mehrwert oder Gewinn wird immer nur einer natürlichen oder juristischen Person zugeschrieben. Es ist tatsächlich nur ein individueller Gewinn.

Bei der Ökologie geht es um den Haushalt der Umwelt. Auch hier finden wir so etwas wie eine Kapitalbildung. Kompost ist ökologische Kapitalbildung. Die Natur schafft sich ihre idealen Bedingungen selbst, indem sie Rücklagen bildet. Der deutsche Wald erschafft etwa einen halben Meter Humus in 100 Jahren. Der Wald bildet also einen Kapitalstock, eine Rücklage, einen ökologischen Mehrwert. Die Prozesse in der Natur und in der Wirtschaft sind durchaus vergleichbar. Denn beide müssen sich letztlich gegen den entropischen Verfall wehren.

Auch im sozialen Bereich gibt es so etwas wie einen Mehrwertprozess. Es gibt Gruppen, die einem „mehr Wert“ geben, einen motivieren und beflügeln, andere saugen Energie bis hin zu einem sozialen Bankrott, der schließlich in der Auflösung der Gruppe endet.

Die Idee, die ich damals hatte: Umwelt, Mitwelt, Ichwelt und Innenwelt müssen jeweils getrennt betrachtet und bilanziert werden, damit wir zu einer umfassenden Betrachtung des tatsächlichen Mehrwerts kommen. Jedes Projekt oder Produkt muss also mindestens dreifach bilanziert werden: ökologisch, sozial, ökonomisch. Die innere Bilanz kann dann jeder für sich machen.

Diese Idee habe ich dann in meinem abschließenden Bericht an das Sekretariat für Zukunftsforschung in ersten Ansätzen entwickelt. Und gerade als ausgebildeter Wirtschaftsingenieur hat mich die Idee eines inneren Mehrwerts, eines inneren Reichtums, über die Jahre hinweg immer wieder fasziniert. Das kommt in der ökonomischen Lehre gar nicht vor, ist aber vielleicht doch wichtig in der Beurteilung der Güte eines Projekts oder einer Idee, wenn wir uns zu einer wirklich nachhaltigen Gesellschaft entwickeln wollen. …

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