Der libertäre Reflex

Der gefährliche Post-Corona-Cocktail von der anderen Sorte

  • Lars Jaeger

“Der Bundesrat hat von Anfang an strategielos agiert. Es ist höchste Zeit, dass die Bürger und Unternehmer das Heft wieder in die Hand nehmen.” So beginnt ein Aufruf des emeritierten Wirtschaftsprofessors Martin Janssen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 13. Mai 2020. Wer sich hier gleich an das Gegröle der Wutbürger und Verschwörungstheoretiker erinnert fühlt, dem sei dies nachgesehen. Denn tatsächlich scheint der Autor in die gleiche Kerbe zu schlagen.

Doch beim Weiterlesen wird klar: Nein, dieser Schlag in die Kerbe des Populismus kommt von einer anderen Seite, von einem selbsterklärten Liberalen. Und mit dem Aufsatz ist auch kein irrationaler Angriff gegen die Wissenschaften verbunden, vielmehr versteht er sich als ein expliziter Beitrag vonseiten der hehren Tradition der Wirtschaftswissenschaften. Doch auch hier lohnt der genauere Blick: So wird denn auch schnell klar, dass erneut die Corona-Krise herbeigezogen wird, um die Fahne zu heben für eine längst in Trümmern liegende Ideologie, in diesem Fall die alte, spätestens bereits 2008 gescheiterte Weltanschauung des Neoliberalismus.

Es erscheint daher, als müsse man der vielbeschriebenen Liste aus Rechtextremisten, anti-kapitalistische Linken, Verschwörungstheoretikern, Esoterikern, Impfskeptikern, Antisemiten, C-Promis, reaktionären Kirchenvertreter und allgemeinen Wissenschaftsskeptikern, die sich im Protest gegen die Corona-Politik vereinen, eine weitere Gruppe hinzufügen: die ultraliberalen Staatsverächter, die Bund und Kantone (in Deutschland: Bundesländer) gestutzt sehen wollen. Die Unternehmer werden es von hier aus wieder richten, liebe Politiker. Gebt Ihnen nur mehr Macht, oder noch besser: Besetzt doch gleich die ganze Regierung mit ihnen. Dann wird all das Übel des Sozialstaates, “eine aus dem Ruder gelaufene Altersvorsorge”, “eine fehlgeleitete Gesundheitspolitik” wieder ausgemerzt.

In Anbetracht des Schadens, den diese Ideologie in den letzten Jahren angerichtet hat, wie in der Corona-Krise zuletzt gerade besonders gut sichtbar in den USA und England, muss man leider konstatieren, dass auch dieser intellektuelle Bruder des Wutbürger-Ausbruchs höchst gefährlich ist und es daher ein Gebot der intellektuellen Redlichkeit ist, dagegen das Wort zu erheben.

Vorab: Es ist genau dieser Sozialstaat mit breiter Gesundheitsversorgung in der Schweiz und Deutschland, der dafür gesorgt hat, dass es dieser Tage keine Massenarbeitslosigkeit und kein Massensterben gibt wie in den USA oder England. Und wer nur 12 Jahre zurückgeht, erkennt, dass es schon 2008/2009 der Sozialstaat war, der uns hat eine Krise hat meistern lassen, die uns die “Unternehmer” in den Banken eingebrockt hatten. …

https://www.heise.de/tp/features/Der-libertaere-Reflex-4726517.html

#CoronaCoup

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