Fakten spielen keine Rolle

Kognitive Dissonanz sorgt dafür, dass wir politische Gegenargumente gar nicht wahrnehmen. Wie ist dann eine offene Debatte möglich?

  • Konrad Lehmann

Meine Großfamilie mütterlicherseits unterhält eine WhatsApp-Gruppe, auf der es gelegentlich lebendig zugeht. Insbesondere dann, wenn wir den Fehler machen, politische Themen nicht zu umkurven. Vor einigen Monaten hatte ich da folgenden Wortwechsel mit einem lieben Onkel.

Was war passiert? Mein Onkel hat eine sehr gefestigte Meinung. Der Telepolis-Artikel, den ich ihm perfide untergejubelt habe, beweist, dass er sich irrt. Das gefällt meinem Onkel nicht, so wenig wie es jedem anderen Menschen gefallen hätte. Die neue Information verursacht demnach einen Zustand, den Psychologen “kognitive Dissonanz” nennen. Und er reagiert darauf wie aus dem Lehrbuch: Die inkompatible Information wird mit einem völlig irrationalen ad hominem-Argument entwertet. Das Weltbild ist gerettet.

Die Trauben sind sauer!

Kognitive Dissonanz tritt bei vielen Gelegenheiten auf. In der einfachsten Form stört sie das Lesen beim Stroop-Test: Farbwörter, die eine andere bedeuten als die Farbe, in der sie gedruckt sind, lesen wir langsamer und mit mehr Fehlern. Doch nicht nur unsere Wahrnehmungen, auch unsere Vorlieben können einen inneren Widerstreit auslösen. Das hat schon Äsop gewusst, als er die Fabel vom Fuchs und den sauren Trauben ersann. Wissenschaftler nennen das Phänomen “choice-induced preference change”, also “Entscheidungs-induzierte Änderung der Vorlieben”.

Im Experiment lässt man die Versuchspersonen zunächst eine Reihe von Wahlmöglichkeiten in derselben Kategorie beurteilen – also z.B. verschiedene Nahrungsmittel. Wie gerne mögen Sie Sushi, Broccoli, Schokoladenpudding, Kuttelnsuppe? Dann werden sie vor die Wahl gestellt. Manchmal ist die Auswahl einfach, weil die beiden Lebensmittel sehr unterschiedlich bewertet wurden. Mal schwer, weil die Wertung fast gleich war. Aber entscheiden muss man sich.

Etwas zurückzuweisen, was man eigentlich gerne mag – jedenfalls ebenso gerne wie die Alternative – fällt schwer. Es verursacht kognitive Dissonanz: Ich mag es, aber ich will es nicht. Die Folge kann man in der nachfolgenden, erneuten Befragung beobachten: Diejenigen Optionen, die in schwierigen Entscheidungen abgelehnt worden waren, rangieren jetzt deutlich weiter unten in der Präferenz. Wenn ich mich gegen das Thaicurry entschieden habe, dann, so schließt etwas in mir, mag ich es auch gar nicht so gern.

Dieser Effekt ist auch für die sogenannten Neuroökonomen interessant, untergräbt er doch das Ideal vom rational entscheidenden Homo oeconomicus. Dieser sollte seine Entscheidungen nach seinen Vorlieben richten. Tatsächlich aber ist es ebenso auch umgekehrt.

Wie die Wertung geändert wird, das kann man sogar im Gehirn beobachten: Abgelehnte Alternativen aktivieren den Nucleus accumbens, das sogenannte “Belohnungszentrum”, später schwächer als vorher. Sie werden also als weniger verlockend bewertet oder wahrgenommen. Dieselbe Studie stellte auch fest, dass Bereiche des Stirnhirns umso aktiver waren, je größer die kognitive Dissonanz. Das galt u.a. für das seitliche Stirnhirn, das mit Selbstkontrolle und moralischen Entscheidungen zu tun hat. Es hat zu arbeiten, um die inneren Rechtfertigungsprozesse wieder gängig zu bekommen. …

https://www.heise.de/tp/features/Fakten-spielen-keine-Rolle-4780309.html

This entry was posted in Bildung, Bürgerbewegung, Freiheit, Kultur, Politik, Propaganda, Selbstorganisation, Wissenschaft and tagged , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply