„Seht her, da spricht ja ein warmes Herz“

Rezension eines ungewöhnlichen Buches über unsere Wirtschaft

  • Udo Brandes

In den letzten Wochen konnte man öfters die Transformationsforscherin Maja Göpel im Fernsehen sehen. Einem größeren Publikum dürfte sie auch durch ihr Buch „Unsere Welt neu denken. Eine Einladung“ bekannt sein. Denn das Buch ist ein Bestseller. Und für viele Ökonomen eine Provokation. Udo Brandes hat es für die NachDenkSeiten gelesen und findet, dass es ein gelungenes Aufklärungsbuch ist, am Schluss aber doch Schwächen zeigt. Die Redaktion kann Göpels Kritik am Wirtschaftswachstum so nicht teilen. Dazu mehr am Ende des Textes der Rezension.

Zunächst einmal eine Vorbemerkung, warum ich Maja Göpels Buch bemerkenswert finde und der Meinung bin, dass sie damit ein Vorbild für Wissenschaftler sein sollte: Ihr Buch ist nicht nur allgemeinverständlich geschrieben, sondern auch sehr lebendig und in einem kurzweiligen Erzählton. Es macht Spaß, das Buch zu lesen. Und das für ein Buch über Politik und Ökonomie hinzukriegen, dazu gehört schon was. Und es ist besonders auffallend, weil unter Universitätsakademikern eigentlich das Gegenteil der Normalfall ist: Autoren, die so lebendig schreiben, dass selbst amtliche Bekanntmachungen dagegen eine spannende Lektüre sind. Allerdings, das muss man auch anfügen, wäre ihr Text ein noch viel größerer Lesegenuss, wenn sie dessen stilistische Qualität nicht durch konsequentes Gendern eingetrübt hätte. Aber offenbar kann man heutzutage in der akademischen Welt nicht ohne eine Vergewaltigung der deutschen Sprache auch nur einen Fuß auf den Boden kriegen.

Die Kurzweiligkeit ihres Textes erreicht Maja Göpel nicht zuletzt deshalb, weil sie den Mut hat, auch von sich zu erzählen und sich als Mensch zu zeigen. So berichtet sie zum Beispiel, wie sich in ihrem Studium ein Professor in einer Vorlesung über sie lustig machte, weil sie im Zusammenhang mit gängigen ökonomischen Theorien eine nur allzu berechtigte Frage gestellt hatte:

„Ich erinnere mich, wie in einer dieser Vorlesungen ein Professor erklärte, dass Arbeiter*innen immer dorthin reisen werden, wo sie den höchsten Lohn bekommen, auch wenn das bedeute, dass sie in ein anderes Land umziehen müssen. Als ich mich meldete und fragte, ab wie viel Armut vor Ort und Lohnunterschied Menschen denn ihre Familien verlassen würden und wie es sein kann, dass für einen solchen Aufwand aufseiten der Arbeiter*innen keinerlei Kosten in dem Modell auflaufen würden, wurde es plötzlich still im Hörsaal.

Der Professor sah seinen Assistenten an, und die Student*innen starrten mich an. Schließlich ertönte: ‚Seht her. Da spricht ja ein warmes Herz!’

Eine Beantwortung meiner Frage blieb aus. Seitdem beschäftigte mich, wieso die Wirtschaftswissenschaften sich gern eines kalten Herzens rühmen und was daran gut sein soll. Der Erklärung, warum wir keine nachhaltigen Gesellschaften zustande bringen, fühlte ich mich aber einen bedeutenden Schritt näher. Ich beschloss, eine Doktorarbeit zu schreiben, in der die Ideengeschichte der Ökonomie im Mittelpunkt stand, und zu hinterfragen, wie diese Phantomwelt entstanden ist und welche Rolle ihre Ideen in der Entwicklung von Politik und Gesellschaft spielen“ (S. 58-59).

Das Bruttoinlandsprodukt: ein Indikator, der in die Irre führt?

Maja Göpel ist eine Wachstumskritikerin. Sie hält das Bruttoinlandsprodukt für die falsche politische Orientierungsgröße, weil nach dieser Logik mehr auch mehr Nutzen und ein qualitativ besseres Leben bedeutet – und die Wirtschaftspolitik auf Wachstum ausgerichtet wird. Aber was früher in Mangelgesellschaften und bei einer geringeren Bevölkerungszahl der Erde tatsächlich einmal Sinn gemacht habe, das zerstöre heute die Lebensgrundlagen auf der Erde. Diese Sichtweise teilen viele Ökonomen nicht. Aber Maja Göpel hat gute Argumente. …

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