“Hunger ist gewollt”

Der diesjährige Friedensnobelpreis ging ans Welternährungsprogramm der UN. Hans Peter Vikoler arbeitet seit fast 27 Jahren für die Organisation und sieht Entwicklungshilfe kritisch

  • Teseo La Marca

Hans Peter Vikoler arbeitet für das World Food Programme der UN (WFP) an vorderster Front. Er leitet, plant und koordiniert die Einsätze und die Verteilung von Hilfsgütern in Katastrophengebieten. Meistens sind Kriege, Überschwemmungen oder Dürren die unmittelbaren Auslöser für den Hunger – dieses Jahr kam auch noch eine Pandemie dazu.

Zuletzt war Vikoler in Mosambik im Einsatz, wo die weltweiten Lockdowns im Frühjahr einen Zusammenbruch der Wirtschaft verursacht hatten und unzähligen Tagelöhnern und Arbeitern plötzlich das überlebensnotwendige Einkommen weggebrochen war. Die Bemühungen des WFP, solche Hungersnöte einzudämmen, wurden mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt.

Im April warnten die Vereinten Nationen vor einer Hungersnot biblischer Ausmaße. Seitdem sind sechs Monate vergangen. Konnte das Schlimmste verhindert werden?

Hans Peter Vikoler: Einiges hat man bestimmt verhindern können, aber die Zahl der Hungernden wächst täglich. Ende letzten Jahres waren etwa 85 Millionen Menschen von Unterernährung betroffen, mit dem Beginn der Pandemie stieg ihre Zahl sprunghaft an auf 135 Millionen, inzwischen spricht man schon von 270 Millionen. Die Auswirkungen von Covid zeigen sich auf globaler Ebene weniger im Gesundheitsbereich und vielmehr als soziales Elend infolge der Lockdowns, Handelsbeschränkungen und unterbrochenen Lieferketten.

Wurde dem WFP deswegen in diesem Jahr der Nobelpreis verliehen?

Hans Peter Vikoler: Zu einem bestimmten Teil, ja. Mit dem Nobelpreis wurde aber auch die Arbeit der ganzen letzten Jahre gewürdigt. 2020 haben wir außerdem stark mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammengearbeitet, wir waren sozusagen für die Logistik zuständig und haben auch die Hilfslieferungen von Arzneimitteln übernommen. Während der Pandemie waren wir zeitweise die größte Fluggesellschaft der Welt.

Sind Sie stolz auf die Ehrung aus Schweden?

Hans Peter Vikoler: Als Organisation freuen wir uns, dass unsere Arbeit anerkannt wird. Ich persönlich bin schon viele Jahrzehnte beim WFP und im humanitären Geschäft tätig und bin deswegen mit solchen Gefühlen etwas vorsichtiger.

“Hunger ist immer auch ein Mittel zur Kriegsführung”

Inwiefern hat die Arbeit des WFP zum Frieden beigetragen?

Hans Peter Vikoler: Hunger ist immer auch ein Mittel zur Kriegsführung. Wir sehen das in Syrien, in Jemen oder in Westafrika, vor allem durch Boko Haram. Eine hungernde Bevölkerung ist meistens gewaltbereiter, sie lässt sich von Terroristen eher rekrutieren und vereinnahmen. Wenn wir in diesen Regionen den Hunger bekämpfen, dann leisten wir auch einen Beitrag zu ihrer Befriedung. …

https://www.heise.de/tp/features/Hunger-ist-gewollt-4930450.html

This entry was posted in Ernährung, Geldsystem, Gerechtigkeit, Politik. Bookmark the permalink.

Leave a Reply