Sorgsame Nachrichtenauswahl

Eckart Spoo [nattvandare.blogspot.se]

Im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) höre ich, daß in Syrien Tausende Regierungsgegner demonstriert haben.

Das steht auch in allen Zeitungen. In der kleinen genossenschaftlichen jungen Welt, einem der wenigen nicht konzernabhängigen Blätter im Lande, lese ich, daß in Syrien Hunderttausende im Sinne der Regierung gegen Einmischung von außen demonstriert haben. Beide Nachrichten scheinen mir wahr zu sein: zwei Wahrheiten, die einander nicht ausschließen müssen, sondern ergänzen können.

Wenn man alles zusammennimmt, was man – auch irgendwo im Internet versteckt – erfahren kann, erhält man am Ende vielleicht die ganze Wahrheit. Aber wer kann sich so viel Zeit nehmen, überall zu suchen? Wenn das landestypische regionale Monopolblatt, das seine In- und Auslandsnachrichten von einem der großen Medienkonzerne bezieht, die gleichen Nachrichten verbreitet wie der Regionalsender, den wir im Radio eingeschaltet haben, wenn sich also die Medien gegenseitig zu bestätigen scheinen – und sie stimmen fast immer überein, auch in der Wortwahl –, können uns schwerlich Zweifel an diesen Nachrichten befallen. Wir halten uns dann für wahrheitsgemäß informiert und geben uns, eben weil wir nichts anderes lesen, hören und ahnen, mit der halben Wahrheit zufrieden, die eine ganze Unwahrheit ist. Viele Nachrichten sind sogar frei erfunden. Wie können wir die täglich neuen Inszenierungen des Weltgeschehens durchschauen, wie die Interessen erkennen, die hinter der Bühne wirken?

Jede Inszenierung braucht Gute und Böse. In einem derzeit vielgespielten Propagandastück ist der syrische Präsident Assad der Böse oder, wie die Bild-Zeitung ihn nennt, »der Irre«. So hat das auflagenstärkste deutsche Tageblatt zuvor schon Milosevic, Saddam, Gaddafi tituliert. Als besonders wirkungsvoll hat sich auch die Bezeichnung »der Schlächter« erwiesen. Die bösen Männer schlachten nämlich die eigenen Völker, die wir deshalb vor ihnen schützen müssen, und zwar dringend. An der Seite unserer guten Freunde in Washington, London und Paris müssen wir – legitimiert durch unser hochentwickeltes Verantwortungsbewußtsein – den Völkern helfen, sich aus der bösen Gewalt ihrer Präsidenten zu befreien – mittels unserer hochentwickelten guten Gewalt. Das völkerrechtliche Verbot der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten gilt selbstverständlich nicht für uns, die wir doch immer nur den Guten beistehen. Von der Propaganda angeleitet, mit der uns die dominierenden Medien reichlich bedenken, leiden wir mit den Opfern der bösen Gewalt; von Opfern der guten Gewalt wissen wir nichts. Was nicht in die Inszenierung paßt, sollen wir möglichst gar nicht erfahren. So hindern uns die sorgsam auswählenden Propagandamedien an störenden, womöglich verstörenden Gedanken. Ganz fern bleibt uns etwa die Überlegung, daß die angeblichen Schurken, Irren, Schlächter vielleicht doch nicht so irrational und brutal handeln, wie sie uns dargestellt werden, sondern ihre Sicherheitskräfte einsetzen, um Souveränität und Selbstbestimmung ihrer Völker zu verteidigen, wie es gemeinhin die Aufgabe von Staatspräsidenten ist.

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