Wie man Vermögensungleichheit schmackhaft machen kann

Nach einer psychologischen Studie führt in den USA der Glaube an die Entscheidungsfreiheit der Einzelnen dazu, die Kluft zwischen Arm und Reich zu akzeptieren

Florian Rötzer [heise.de]

Wenn die Ungleichheit in der Gesellschaft zu groß wird, wachsen die Kritik und der politische Druck nach Umverteilung des Reichtums. Das ist nicht schön für die Reichen, aber sie finden womöglich Strategien, wie sie die Menschen mit dem Ist-Zustand versöhnen können.

Die Psychologen Krishna Savani von der Columbia Business School und Aneeta Rattan von Stanford University glauben, herausgefunden zu haben, warum die Vermögensungleichheit in den USA weitgehend akzeptiert wird, was natürlich im Umkehrschluss auch hieße, eine Strategie entwickeln zu können, Kritik an den ungleichen Verhältnissen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Zu wissen, was hinter der Akzeptanz der Kluft zwischen Arm und Reich stehe, sei wichtig, weil in der US-Gesellschaft Reichtum doch so eine wichtige Rolle spiele und viele Aspekte des Lebens betreffe: “Was öffentliche Dienste zur Verfügung stellen, wie Menschen besteuert und wie Gewinne verteilt werden sollen.” Aber auch, wie glücklich man sich fühlt, wonach man begehrt, welche Chancen die Kinder haben etc. In Umfragen würde zwar eine Mehrheit für eine gerechtere Umverteilung des Reichtums plädieren, bei einzelnen Fragen wird dann oft gegen Maßnahmen gestimmt, die Kluft zwischen Arm und Reich verringern.

Wie man teils verwundert beobachten konnte, spielt in der Diskussion über die nun vom Obersten Gerichtshof gebilligte Gesundheitsreform von US-Präsident Obama die Frage der Zwangsverpflichtung zur Krankenversicherung die entscheidende Rolle. Für viele Amerikaner, meist von der konservativen oder rechten Seite, verstößt das gegen die traditionellen Werte der USA, bei denen Kapitalismus und Religion miteinander verschmolzen sind. Damit konnten Republikaner und die rechte Tea-Party-Bewegung große Entrüstung selbst bei manchen derjenigen hervorrufen, die von der allgemeinen Einführung der Krankenversicherung profitieren. Die freie Wahl steht über allem, was auch heißt, wer es nicht schafft, ist selbst schuld. Dahinter stecken ein stark ausgeprägter Individualismus und eine eher ablehnende Haltung gegenüber dem Staat, der dem Einzelnen Regeln vorschreibt. Gegenüber der individuellen Leistung/Verantwortung werden gesellschaftliche Bedingungen vernachlässigt oder übersehen.

Die Psychologen haben für ihre Studie, die in der Zeitschrift Psychological Science erschienen ist, in verschiedenen Experimenten untersucht, ob die Wahlfreiheit eine Rolle bei der ambivalenten Haltung gegenüber der einseitigen Reichtumsverteilung steht. Die Hypothese war, dass die Menschen dann, wenn sie sich frei entscheiden können oder dies glauben bzw. davon ausgehen, Ungleichheit eher akzeptieren. Schließlich wäre die Ungleichheit dann ja ein Ergebnis der Entscheidungsfreiheit nach dem Motto, dass jeder seines Glückes Schmied ist, wobei implizit damit unterstellt würde, dass Chancengleichheit besteht, jeder also sozusagen vom Tellerwäscher zum Millionär oder heute Milliardär werden kann.

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