Julian Assange hat von der Botschaft Ecuadors in London aus an die Weltöffentlichkeit appelliert


Antikrieg TV

Vor sechs Monaten oder genau 185 Tagen wurde ich in diesem Gebäude aufgenommen. Es ist zu meiner Wohnung, meinem Büro und meiner Zuflucht geworden. Dank der prinzipienfesten Haltung der ecuadorianischen Regierung und der Unterstützung des Volkes von Ecuador bin ich in dieser Botschaft in Sicherheit und kann von hier aus frei reden.

Seit ich hier bin, haben jeden Tag Menschen aus eurer Mitte vor dieser Botschaft Wache gehalten – bei jedem Wetter. An jedem einzelnen Tag, seit ich im Sommer hierher kam. Und jetzt ist Winter. Diese Solidarität hat mich in meinem Tun bestärkt, und ich bin den Menschen, die auf der ganzen Welt die Arbeit von WikiLeaks unterstützen, sehr dankbar dafür; sie schützen damit die Redefreiheit, die Pressefreiheit und andere wesentliche Elemente der Demokratie.

Obwohl meine Freiheit eingeschränkt ist, kann ich vor diesem Weihnachtsfest zu euch sprechen – 232 Journalisten, die zur Zeit in Gefängnissen festgehalten werden, können das nicht:

der in Schweden verfolgte Godfried Svartholm (der die Website The Pirate Bay betrieben hat kann das nicht,

der in New York eingesperrte Jeremy Hammond kann das nicht,

der in Bahrain eingesperrte Nabeel Rajab kann das nicht,

auch Bradley Manning, ein junger Mann, der in dieser Woche 25 Jahre alt wird und seine Würde bewahrt hat, obwohl er schon mehr als 10 Prozent seines bisherigen Lebens in Gefängnissen verbracht hat und teilweise nackt und ohne Brille in einen Käfig eingesperrt war, kann das nicht, und noch viele andere, die wie ich verfolgt werden, können das ebenfalls nicht.

Ich grüße diese tapferen Männer und Frauen. Und ich grüße all jene Journalisten und Publikationen, die mit ihren Artikeln darüber informieren, was den Verfolgten angetan wird, die trotz Einschüchterung und Strafverfolgung die Wahrheit verbreiten und den Journalismus und die Aufklärungspflicht der Medien ernst nehmen.

Von der Verbreitung der Wahrheit hängt alles andere ab. Nur mit festen Steinen können wir hohe Häuser errichten. Und unsere Zivilisation bleibt nur erhalten, wenn die Ideen, auf denen sie ruht, wahr sind. Wenn korrupte Firmen unsere Häuser bauen, wenn der Zement mit Erde gestreckt und wenn hochwertiger Baustahl durch Alteisen ersetzt wird, können die Gebäude nicht so stabil werden, dass wir sicher darin leben können. Und wenn unsere Medien korrupt bleiben, wenn sich unsere Akademiker auch weiterhin einschüchtern lassen, wenn unsere Geschichte durch immer neue Halbwahrheiten und Lügen verfälscht wird, kann unsere Zivilisation nicht überleben. Dann wird sie untergehen.

Unsere Gesellschaft lebt in intellektuellen Slums. Unsere Ansichten über unsere Welt und unser Miteinander hat uns das gleiche System vermittelt, das uns immer wieder in Kriege gelogen und Millionen Menschen damit umgebracht hat. Man kann keine Wolkenkratzer aus Plastilin bauen. Und eine Zivilisation, in der es gerecht zugehen soll, kann nicht auf Ignoranz und Lügen aufgebaut sein. Wir müssen einander erziehen. Wir müssen diejenigen feiern, die uns die Wahrheit offenbaren, und diejenigen verurteilen, die unsere Fähigkeit vergiften, die Welt, in der wir leben, auch zu begreifen.

Die Qualität unsere Gespräche untereinander entscheidet über den Fortbestand unserer Zivilisation. Die heutige Generation kann sich auf ihre eigenen Füße stellen und ihre Weltsicht revolutionieren. Zum ersten Mal in der Geschichte können die am stärksten von der Geschichte Betroffenen auch deren Macher sein. Nicht nur die Arbeit von Journalisten und Publizisten spricht für sich selbst, das tut auch jede andere Arbeit und jedes Kriegsverbrechen.

Ich grüße alle, die erkannt haben, dass die Presse- und Informationsfreiheit, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und vom 1. Zusatzartikel zur US-Verfassung garantiert werden – in Gefahr sind und deshalb verteidigt werden müssen – wie niemals zuvor.

http://principiis-obsta.blogspot.se/2012/12/julian-assange-hat-von-der-botschaft.html

This entry was posted in Bürgerbewegung, Freiheit, Gerechtigkeit, Kultur, Politik, Propaganda, Selbstorganisation. Bookmark the permalink.

Leave a Reply