Die vergangenen beiden Wochen haben auf sehr eindrucksvolle Weise gezeigt, wie sehr die Vernetzung in sozialen Netzwerken die öffentliche Meinung beeinflussen kann und als Schrittmacher für Widerstand und Solidarität dienen.
Salome
Noch während der Polizeiattacke gegen die Blockupy-Demo twitterten und bloggten die Teilnehmer, was dort ablief und vernetzten sich bereits mit den Demonstranten in der Türkei. Lange bevor die etablierten Medien die Proteste in Istanbul ernst nahmen und darüber berichteten, waren alle Informationen samt Bildern auf Twitter und Youtube zu sehen, auf Facebook gründeten sich zahlreiche Gemeinschaften. Soziale Netzwerke sind nicht nur Zeitfresser und Datenklaumaschinen. Sie haben die Machtverhältnisse im Kampf um die Wahrheit, um Information und öffentliche Meinung neu gemischt.
Man könnte fast ein wenig Mitleid bekommen, wenn man verfolgt, wie hilflos die großen Medien und die Politiker den Prozessen in den sozialen Netzwerken hinterher hinken. Obwohl es inzwischen zum commons sense der Mediengesellschaft gehört, dass ohne Social Media nichts mehr funktioniert, bleibt die Dimension der Veränderung, die diese Netzwerke für unser Leben bedeutet, weitgehend unerfasst. Soziale Netzwerke sind mehr, als Fanpages von Unternehmen zu liken oder zum Tatort zu twittern. Menschen weltweit vernetzen sich, sie teilen Interessen, Informationen und schicken sich Solidarität. Es ist richtig, an dieser Stelle einzuwerfen, dass sich in diesem unkontrollierten, dezentralen Informationsaustausch auch immer wieder falsche Meldungen einschleusen und ebenso verbreitet werden, doch es zeigt sich immer wieder, dass es eine Form der Selbstkontrolle gibt, d. h. falsche Meldungen werden als solche von der Gemeinschaft entlarvt und klar gestellt. Doch der Kampf um die öffentliche Meinung wird jetzt nicht mehr zwischen politischer Informationskontrolle und den etablierten Medien gefochten.
Taktik der Kriminalisierung gescheitert
Die Ereignisse um Blockupy 2013 zeigen das eindrucksvoll. Bereits vor der Demo lief wochenlang eine Kampagne der Kriminalisierung des Protests. Von “Chaoten” war die Rede und “Randalierern”. Blockupy, das sollte klar werden, ist nichts für anständige Bürger. Doch tatsächlich ging die Rechnung nicht auf. Die Proteste blieben friedlich, dafür überschritt die Polizei massiv die demokratischen Grenzen. Während die Polizisten vergangene Woche in Frankfurt vorne auf die Demonstranten einprügelten, erreichten die ersten Bilder bereits die Demonstranten weiter hinten und jene, die zu Hause geblieben waren. In den nächsten Tagen sammelten sich auf Blogs und auf der Blockupy bzw. Occupy Frankfurt Facebook-Seite Videos, Aufrufe und Informationen. Stellten sich Polizei und Innenministerium zunächst noch stur und verteidigten ihr Vorgehen, so mussten sie kurz darauf einknicken und die Netzgemeinde sogar um Hilfe bitten: Die Videos sollten eingeschickt werden und zur Beweissicherung gegen die gewaltfreudigen Polizisten dienen.
Der Druck, den die Videos und die empörten Blogposts ausübten, war einfach zu groß geworden, zuerst griffen ihn die klassischen Medien wie die Zeitungen auf und schließlich auch die Öffentlichkeit. Unter dem Hashtag #Sündenblock formierte sich der Widerstand und organisierte eine Protestdemo für die folgende Woche, die, mit vielen bunten Regenschirmen und Sonnenbrillen und ohne Polizeigewalt friedlich und solidarisch ablief. Das Innenministerium und die Polizei sind mit ihrer Kriminalisierungstaktik gescheitert, sie konnten die öffentliche Meinung nicht vollkommen beeinflussen. Klar ist aber, dass Blockupy ohne den Druck aus den sozialen Netzwerken ganz anders abgelaufen wäre. Die Taktik von Innenministerium und Polizei wäre aufgegangen, sie hätten die Mythe der angeblichen Randalierer durchziehen können.
Noch viel deutlicher wurde der Einfluss der sozialen Netzwerke aktuell während der Ereignisse in der Türkei. Die Medien dort berichteten erst gar nicht und dann nur zögerlich über die Ereignisse im Gezi-Park und auch hier tun sich viele selbst linke Blätter auffällig schwer damit, über die Proteste zu berichten, während in Facebook und Co. immer neue Bilder und Videos die Runde machen, die zeigen, wie groß und kreativ der Widerstand in der Türkei ist. Auch die traurigen Bilder der Verletzten und Toten fanden sich in den sozialen Netzwerken lange bevor die Medien sie meldeten…
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